Politik : High Noon

Hans Monath

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Im Kino ist der „Trailer“ ein Instrument, um möglichst viele Zuschauer auf einen Film neugierig zu machen, der bald anläuft. Dazu werden die dichtesten Szenen des Streifens so zusammengeschnitten, dass jeder innerhalb von Sekunden weiß, worum es geht, und jeder wissen will, wie es in dem Film weitergeht. In der hohen Politik wird seit Tagen auch immer wieder eine Art „Trailer“ gespielt. In dem Film, für den geworben wird, geht es um verdammt harte Probleme und einen Mann, der sie anpackt. Zwar schrecken die PR-Manager des Streifens noch vor Titeln wie „High Noon in Crisis County“ zurück, doch der Abspann könnte durchaus lauten: „Der Kanzler. Demnächst in Ihrem Bundestag.“ Doch je öfter man hört und liest, wer da alles am Drehbuch feilt und was da am Freitag auf die Nation zukommt, umso mehr fragt man sich, ob man darauf noch wirklich gespannt sein soll. Kein Wunder. Im „wahren Kino“ machen die „Trailer“ manchmal auch kaputt, was sie doch eigentlich befördern wollen: die Neugierde. Meist entkommt niemand der Vorschau eines Kassenschlagers, weil die nicht nur im Kino, sondern auch in vielen TV-Sendungen ausgestrahlt wird. Wer lange vor dem Filmstart etwa die Flughafen-Attacke in „Independence Day“ schon zigmal gesehen hat, die Bankszene von „Bowling for Columbine“ auswendig kennt oder über das Nachspielen der DDR-Fernsehnachrichten in „Good Bye, Lenin“ schon mehrmals gelacht hat, überlegt sich auch, ob er in der Langfassung überhaupt noch überrascht und gepackt wird. Vielleicht sollten die Schröder-Berater den Titel ihres Trailers am letzten Tag schnell noch ändern: „Der Kanzler. Weil es auf die Einzelheiten ankommt.“

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