High-Tech-Land Israel : Yotam Cohen - vom Militär zum Start-up-Gründer

Typisch Tel Aviv: Yotam Cohen hat mit seinem Geschäftspartner vor sechs Jahren das Start-up Wibbitz gegründet. Heute beschäftigt er 40 Angestellte.

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Yotam Cohen hält als Firmenboss wenig von strengen Hierarchien.
Yotam Cohen hält als Firmenboss wenig von strengen Hierarchien.Foto: Lissy Kaufmann

Manchmal, wenn er in einem ruhigen Moment morgens mit einem Kaffeebecher in der Hand in das Großraumbüro blickt, hat Yotam Cohen diesen Gedanken. Dann fragt er sich, wo all diese Leute eigentlich hergekommen sind, die vor ihren Computern sitzen und arbeiten. Wie ist es gekommen, dass er heute 40 Angestellte, eine Geschäftsstelle im Herzen Tel Avivs, eine zweite in New York hat, und obendrein im vergangenen Jahr von einem neuen Investor mit rund acht Millionen Dollar bezuschusst wurde?

„Diese Momente sind rar. Meistens habe ich keine Zeit, zu reflektieren. Ich komme hier morgens rein, bespreche sofort, was heute ansteht und lege los“, erzählt Yotam Cohen. Und nicht selten arbeitet er bis spät in die Nacht. „Gestern war ich um zwei Uhr im Bett und um acht wieder im Büro. Aber ich versuche, es bei zehn, elf Arbeitsstunden am Tag zu belassen.“ Schließlich lebt er ja in Tel Aviv, und die Stadt ist neben ihrer boomenden Hightech- und Start-up-Szene auch für ihre Strände und ihr Nachtleben bekannt.

Der 33-jährige Yotam Cohen hat vor sechs Jahren das Start-up Wibbitz gegründet, zusammen mit seinem Geschäftspartner Zohar Dayan, 32, der heute das neue Büro in New York leitet. Wibbitz ist ein Programm, das binnen Sekunden Texte in Videos verwandelt. Medienseiten auf der ganzen Welt wie „USA Today“, „Haaretz“ oder die Hearst-Medien verwenden es.

Vom Student zum Gründer

Die Ideen kam den beiden Jungunternehmern während ihres Studiums der Betriebswirtschaftslehre am Interdisziplinären Zentrum in Herzliya. 2010, in ihrem letzten Studienjahr, nahmen sie am hochschulinternen „Zell Entrepreneurship Programm“ teil, das jungen Gründern Starthilfe gibt. Anstatt sich lange durch Texte zu quälen, waren die beiden auf der Suche nach einem Weg, Informationen und Geschichten schneller online zu erzählen – so entstand die Idee für Wibbitz. Und Yotam wurde noch als Student zum Gründer.

Anfangs saßen Yotam und Zohar – wie die meisten jungen Israelis mit großen Plänen, aber kleinem Budget – in Cafés. „Wir haben eine Tasse Kaffee bestellt und dann stundenlang am Geschäftsplan gebastelt“, erinnert sich Yotam. Nach und nach kamen Programmierer, Designer und Redakteure hinzu.

Vor mehr als drei Jahren zogen sie in die heutigen Büroräume, fünf Minuten vom Rothschild-Boulevard entfernt, umringt von Gemeinschaftsbüros, Accelerator-Programmen, die Starthilfe geben, und anderen Start-ups. Und mittendrin Yotam, ein kräftiger Mann mit dunkelblonden Haaren, blauen Augen und einem Dreitagebart. Er trägt Sneaker, Jeans und ein blau kariertes Hemd, er hat sein Headset und sein Smartphone griffbereit, ist in ständigem Austausch mit den Kollegen in New York und hält Kontakte zu Geschäftspartnern in aller Welt.

Ein Raum mit Kickertisch

Eng ist es im Großraumbüro geworden in den vergangenen Jahren, und so soll die Geschäftsstelle auf mehr als 250 Quadratmeter wachsen. „Dann haben wir auch wieder Platz, die Tischtennisplatte aufzustellen“, sagt Yotam. Denn das gehört ebenfalls zu einem typischen Tel Aviver Startup: ein Raum mit Kickertisch und Sofas zum Ausruhen. „Oder für die Happy Hour, die wir hier donnerstags ab fünf haben.“

Das Klima im Unternehmen ist Yotam wichtig. Er lässt nicht gern den Chef raushängen, hält nichts von strengen Hierarchien oder davon, bei Pannen und Fehlern Schuldige zu benennen. Stattdessen lässt er seinen Mitarbeitern lieber die Flexibilität, die sie gerade im Alter um die 30 brauchen. „Wir haben montags Elterntag, da können auch die Väter schon um vier Uhr gehen und ihre Kinder aus dem Kindergarten abholen. Sie arbeiten dafür am nächsten Tag länger“, sagt Yotam, der mittlerweile selbst Vater von zwei kleinen Töchtern ist. Seine Frau arbeitet ebenfalls in einem Start-up.

An seine Idee glauben

Das ist der Geist der Start-up-Szene in Tel Aviv: lässig, hip, arbeitswütig und ausgestattet mit Chuzpe. „Was ich hier immer wieder sehe, ist der feste Glaube, dass alles möglich ist. Diese Das-schaffenwir-schon-Mentalität. Israelis denken nicht zuerst an Risiken. Das muss nicht immer ein Vorteil sein, aber im Bereich der Innovationen ist es das“, sagt Yotam. „Nehmen wir die Idee von Wibbitz, Texte in Videos zu verwandeln. Für viele klang das wahnsinnig. Wir haben aber fest daran geglaubt, dass es funktioniert.“

Yotam ist überzeugt, dass die Armee dabei eine große Rolle spielt. „Ich war sechs Jahre lang bei der Marine-Kommandant eines Schlachtschiffes.“ Dort habe er gelernt, zu führen und am Erfolg zu arbeiten. „Du hast eine schier unmögliche Mission, du arbeitest hart, gehst neue Wege, dann erreichst du dein Ziel.“ Heute ist Wibbitz sein Schlachtschiff. „Die Wellen sind hoch. Immer wieder tauchen neue Herausforderungen auf, die wir meistern müssen.“

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