Politik : High-Tech statt Sozialdebatte

Der SPD-Traditionalist Franz Müntefering sucht ein neues Image – und erklärt technischen Fortschritt zum Garanten für Wohlstand

Markus Feldenkirchen[Bonn]

Franz Müntefering ist immer für eine Überraschung gut. Wenn der SPD-Fraktionschef erzählt, welche Zahl ihn zuletzt schockiert habe, nennt er nicht das Umfrageergebnis vor der Flut, sondern macht einen Ausflug auf neues Terrain: ins Technologische. 2002 sei erstmals seit Jahrzehnten mehr Hochtechnologie importiert als exportiert worden. Für den 63-Jährigen „die schlimmste Botschaft“ des Jahres, eine „katastrophale Meldung für Deutschland". Seitdem sieht sich der einstige Traditionssozi berufen, dem Fortschritt eine Gasse zu schlagen.

Mögen sich die anderen noch mit den Einzelheiten der Agenda 2010, mit Pendlerpauschalen, Gesundheits- oder vorgezogenen Steuerreformen rumplagen – Müntefering ist längst weiter. Im nächsten Jahr werde die Innovation das Thema Nummer eins in der Politik, ist er sich sicher. Schon während der Kabinettsklausur in Neuhardenberg Anfang Juni rieben sich die Minister verwundert die Augen, als Müntefering sich als oberster Anwalt von Forschung und Entwicklung gab. „Da müssen wir rein, Leute“, mahnte er schon damals. Denn er weiß: „In Forschung und Innovation liegt das Geheimnis der Wohlstandssicherung.“ Müntefering, der einst als Bewahrer sozialdemokratischer Werte galt, klagt heute sogar, dass viele in Partei und Regierung zu stark auf die Sicherung des Sozialstaates fixiert seien – aber zu wenig auf die Sicherung des Wohlstands.

In dieser Woche tourt er im Auftrag der Zukunft kreuz und quer durch die Republik. Motto der Reise: Innovation. So macht er Station bei Leica Microsystems im hessischen Wetzlar, lässt sich von der Remscheider Firma Vaillant in die „Visionen der Heiztechnik“ einweihen oder wandert durch das riesige Forschungszentrum „Caesar“ bei Bonn am Rhein, wo Müntefering unter anderem in die Tiefen der Nanotechnologie einsteigt. Am Ende weiß er immerhin, dass Letzteres „etwas mit ganz Kleinem zu tun hat“. Das ist so weit ganz richtig.

Anfangs scheinen zwei Welten aufeinander zu treffen: der ewige Sauerländer und die High-Tech-Gemeinde. Sprachlich muss Müntefering beim Vorstoß in dieses Milieu Barrieren überwinden. Wenn der Chef von Leica Microsystems seinen obersten Buchhalter vorstellen will, dann ist das der „chief financial officer“. Müntefering lernt, was eine „toolbox“ ist, wie hoch die „cost of ownership“ ist und was die Arbeitsgruppe „rapid prototyping“ so im Schilde führt. Am Ende des Besuchs fragt Müntefering den Leica-Chef, wo dieser „das größte Wachstumsfeld“ in der Spitzentechnologie sehe. „In der Halbleiterindustrie“, sagt der. Müntefering schreibt sich das gewissenhaft auf. Möglich, dass er am Rande der nächsten Fraktionssitzung die Forschungsministerin Bulmahn zur Seite nehmen und sagen wird: „Edelgard, kümmere dich mal um die Halbleiterindustrie. Da ist Musik drin.“

In der Debatte um die Agenda 2010 hatte Müntefering zu Jahresbeginn erst Mühe gehabt, sich dem plötzlichen Reformeifer der Mitregierenden anzuschließen. Dann aber, nach einer Phase des Umdenkens, hielt er mit Schröder und Co. Schritt. Seinen eigenen Wandlungsprozess sieht er dabei als stellvertretend, als typisch für die ganze Partei und den Großteil ihrer Funktionäre.

Jetzt will er selbst voranmarschieren. Allein seine Forderungen, was im Bereich Innovation so alles geschehen müsse, sind noch nicht so ganz innovativ. Dass etwa Universitäten und Unternehmen besser kooperieren müssen, dass die Forschung sich mehr von den Bedürfnissen der Wirtschaft leiten lassen solle, sagen Experten seit langem. „Ich bin kein Fachmann“, gibt Müntefering gerne zu. Aber sein Eifer ist unverkennbar. Selbst nach der dritten quälenden Power-Point-Präsentation und der Erkenntnis, dass Innovationen auch dröge sein können, hält der SPD-Fraktionschef an seinem neuhardenbergschen Credo fest. „Da müssen wir dringend rein“, sagt er und verschwindet in irgendeinem Labor.

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