Politik : Hilfe für die Reformer im Islam

Juliane Schäuble

Berlin - „Der Islam ist die am schnellsten wachsende Weltreligion, aber wir haben erst begonnen, uns darauf einzustellen. Thomas Meyer von der Friedrich-Ebert-Stiftung fordert einen interreligiösen Dialog, dessen Notwendigkeit spätestens die Anschläge des 11. September 2001 zeigten. Aber islamistische Selbstmordattentäter oder das Todesurteil gegen den Schriftsteller Salman Rushdie, der sich für einen aufgeklärten Islam ausspricht, haben auch eine innerislamische Diskussion befördert, die den Missbrauch der Religion für politische Zwecke kritisiert und eine Reformation einfordert. Eine bis Samstag dauernde internationale Konferenz in Berlin will diese progressiven Kräfte fördern. Denn bisher bleiben sie von der öffentlichen Wahrnehmung meist unbemerkt.

Die erste durch die Bundeszentrale für politische Bildung, Friedrich-Ebert-Stiftung und Konrad-Adenauer-Stiftung organisierte Tagung bietet Reformkräften im Islam ein Forum, das diese gerne wahrnehmen. Dafür spricht schon die Teilnehmerliste: Führende muslimische und nichtmuslimische Intellektuelle, wie die französisch-algerische Religionssoziologin Leila Babès, der Berliner Theologe Christian Troll oder der ägyptische Islamwissenschaftler Nars Hamid Abu Said waren der Einladung gefolgt. Wer hat die Lehrautorität im Islam, wie ist das Verhältnis von Religion und Staat, und wie traditionell werden religiöse Quellen ausgelegt, fasste Abdou Filali-Ansary von der Aga-Khan-Universität in London die derzeit drängendsten Fragen zusammen.

Den Wissenschaftlern ist bewusst, dass sie Pionierarbeit leisten. Junge Muslime kämen kaum mit modernem Denken in Kontakt und würden stattdessen in die vorherrschende Ideologie von Islamisten „kanalisiert“, bedauerte Babès. Der Islamwissenschaftler Ebrahim Moosa gab zu Bedenken, dass progressives Denken ein „intellektuelles Unternehmen“ sei, das sich noch im Aufbau befinde. Eine Verständigung unter den Muslimen sei viel schwieriger als der Dialog zwischen den Religionen. Dass der auch nicht einfach ist, verdeutlichte Abu Said. „Es heißt immer, Muslime in Europa sollen sich anpassen, sie sollen gezähmt werden.“ Was fehle, sei Anerkennung und die Einsicht, dass der Islam nicht nur eine Angelegenheit der Muslime, sondern der gesamten Menschheit sei.

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