Hilfe für Haiti : "Es geht um mehr als das Beben"

Der Vizesondergesandte des UN-Generalsekretärs für Haiti, Kevin Kennedy, über den schwierigen Wiederaufbau des zerstörten Landes.

Welches sind die größten Herausforderungen für Haiti nach dem Beben?

Es gibt eine ganze Reihe von Herausforderungen, aber höchste Priorität haben ganz klar die Obdachlosen. Haiti hat acht Millionen Einwohner, 1,5 Millionen davon sind obdachlos, und manche hat es wirklich sehr schlimm getroffen.

Wie wollen Sie diesen Menschen helfen?

Wir verfolgen verschiedene Ansätze. Nothilfe ist eine enorme Aufgabe. Essen, medizinische Versorgung, Zelte – das haben wir geschafft. Jetzt müssen wir von dem zeitweisen Ansatz zu längerfristigen Lösungen kommen.

Wie sollen die aussehen?

Die Häuser vieler Menschen sind zerstört. Diejenigen, die Häuser haben, in denen man noch leben kann, unterstützen wir mit Baumaterial, damit sie dorthin zurückkehren können. Denen, deren Häuser komplett zerstört sind, bieten die UN Unterkunftsmöglichkeiten. Aber das ist eine komplexe Angelegenheit. Da geht es auch um Besitzrechte, wem gehört überhaupt was? Und es gibt Leute, die eigentlich gar keine Opfer sind und mit ihren Familien in die Camps gezogen sind, um ihre Lage zu verbessern. Da ist jetzt Führung der haitianischen Regierung gefordert. Die Autoritäten am Ort müssen sagen, wer dort hingehört und wer nicht.

Wer ist denn für Sie die haitianische Regierung? Es gibt Leute, die sagen, dass es zwar eine Reihe Minister gibt, denen man die Hand schütteln kann, von Effektivität aber könne keine Rede sein.

Wir arbeiten mit allen relevanten Ministerien gut zusammen.

Es gibt auch Stimmen, die ein Protektorat fordern.

Haiti hat eine gewählte Regierung. Das respektieren wir. Haiti ist ein souveräner Staat. Und denken Sie an die lange Kolonialgeschichte. Die Haitianer sind stolze Menschen, zehntausende haben für ihre Freiheit gekämpft. Ich sehe keinen Grund für ein Protektorat.

Die Regierung ist nicht die Bevölkerung, wie binden Sie die Menschen ein?

Es gibt neben unseren Patrouillen viele zivile UN-Organisationen, die in den Camps arbeiten. Wir haben starke Verbindungen zur Zivilgesellschaft, wir arbeiten zum Beispiel mit Frauengruppen. Ich war in Darfur und auf dem Balkan, wir haben immer mit den Menschen gearbeitet, das ist wichtig. Wir können den Haitianern nicht sagen, wie ihre Zukunft aussehen soll. Das geht nur in Zusammenarbeit.

Wie sehen Sie die Pläne zum Wiederaufbau von Port-au-Prince? Es gibt die Idee, die Hauptstadt anderswo neu zu bauen.

Darauf kann ich ihnen keine gute Antwort geben. Ich weiß, dass es diese Diskussion um die Hauptstadt gibt. Es ist die Frage, wo die Haitianer im Moment ihre Zukunft sehen.

Zunächst aber steht die Hurrikan-Saison bevor. Wie wollen Sie den Menschen Schutz bieten? Die meisten haben zwar Planen, aber nicht einmal Zelte, die diesen Namen verdienen.

Wir arbeiten so schnell wir können. Wir hoffen, dass möglichst viele vorher nach Hause gehen können. Und wir tun alles, um die Zelte besser zu sichern, damit sie auch einen Sturm mit 120 Stundenkilometern überstehen. Wir verstärken sie.

Aber wie geht es weiter mit dem Land? Zelte und Camps sind keine Dauerlösung. Wie wollen Sie die Opfer bewegen, nach Hause zu gehen, wenn sogar Menschen mit einem Zuhause die Lager vorziehen?

Es geht um mehr als das Beben und um mehr als Armut. Dem ganzen Land muss aufgeholfen werden. Das geht nicht, indem man sich auf die Lager konzentriert. In den Gegenden, wo die Menschen leben sollen, müssen Schulen gebaut werden, müssen Geld-für-Arbeit-Programme angeboten werden, damit die Leute in ihrer eigenen Nachbarschaft Arbeit finden und dorthin ziehen.

Es gibt aber zum Beispiel Klagen über die Kinderhilfsorganisation Unicef. In Petit Goave ist sie gar nicht, in Carrefour haben sich Helfer wie Bettler gefühlt, weil sie Wochen hingehalten wurden, ehe sie drei Zelte für Schulklassen bekommen haben, wo 600 Kinder unterrichtet werden.

Unicef hat eine sagenhafte Arbeit geleistet. Wir haben tausende Zelte verteilt. Unicef kann aber nicht in jedem Ort sein – und Petit Goave war weniger zerstört als andere Gemeinden, ich war selbst dort.

Wie lange wird denn wohl der Aufbau in Haiti dauern, und wie teuer wird das?

Das ist kaum zu beantworten. Aber wir werden uns an Indikatoren orientieren, etwa: Wie viele Kinder gehen zur Schule, wie wächst die Wirtschaft.

Bei der Geberkonferenz für Haiti wurden 5,3 Milliarden Dollar für 18 Monate versprochen. Wie viel ist bisher angekommen?

Die Erfahrung zeigt, dass es immer eine ganze Weile dauert, bis das Geld wirklich fließt. Aber Experten sind am Werk und machen Pläne, wie die Leute rund um Bill Clinton. Ich hoffe, das klappt. Denn es geht nicht nur ums Geld, sie müssen auch eine intelligente Lösung haben: einen Plan, das Material, die Händler, die Leute – das muss alles ordentlich angegangen werden. Also, ich weiß es einfach nicht.

Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: An einem Strand in der Nähe von Port-au-Prince, der rund 30 Dollar Eintritt kostet, wurden an einem Wochenende auch UN-Hubschrauber gesehen. Fliegen Sie Mitarbeiter mit dem Heli zum Strand?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Die Hubschrauber werden nur für offizielle Aufgaben genutzt. Wenn nicht, wäre das ein Verstoß gegen die Regeln. Aber ich habe davon noch nichts gehört. Ich selbst war überhaupt noch nicht am Strand.

Der US-Amerikaner Kevin Kennedy wurde von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon als Vizesondergesandter nach Haiti entsandt. Mit ihm sprach Ingrid Müller.

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