Politik : Hilfe nur daheim

Viele tschetschenische Flüchtlinge kehren in ihre zerstörten Städte zurück. Anders haben sie keinen Anspruch auf Unterstützung

Elke Windisch[Nasran]

Die Schwiegertochter erkennt er allein an der Stimme, schon bei den Enkeln wird es schwierig. Erkennen kann er die vierzehn „kleinen Teufelchen“ nur noch schemenhaft. Aslan Magomadow leidet an Netzhautschwund und soll am besten nur Nahrung essen, die viel Vitamin A und E enthält. „Schwarzer Kaviar zum Beispiel“, kann Aslans Frau gerade noch sagen, bevor sie wieder der trockene Husten schüttelt, „am besten löffelweise“. Schwarzer Humor auf tschetschenisch: Die letzte warme Mahlzeit haben die Magomadows „irgendwann im Oktober“ gegessen – Nudeln aus überlagerten Beständen der türkischen Armee, verteilt von Mitarbeitern des roten Halbmonds. Seit Anfang Dezember gibt es in der Zeltstadt „Inan“ bei Akiyurt in Inguschetien nicht einmal mehr den täglichen Laib Brot.

Seit Herbst 1999 ist Inan für anderthalbtausend Kriegsflüchtlinge aus Grosny so etwas wie die zweite Heimat. Für die Älteren sogar die dritte. Auch Aslan und dessen Frau Madina sind in Kasachstan groß geworden, wohin Stalin die Tschetschenen wegen angeblicher Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht 1944 kollektiv in die Verbannung schickte. „Tja, die Kasachen“, sagt Aslan und ein Lächeln huscht über seine welken Gesichtszüge, „die haben das letzte Stückchen Brot mit uns Volksfeinden geteilt.“ Auch seine Unterschrift steht unter dem Brief, in dem über 3000 Flüchtlinge im November, als sich Gerüchte über die Schließung des Lagers und die bevorstehende Abschiebung seiner Bewohner nach Tschetschenien zur Gewissheit verdichteten, Kasachen-Präsident Nursultan Nasarbajew um zeitweiliges Asyl baten. Aslan war dabei, als die gewählten Ältesten die Petition in der Post aufgaben. Als Eilbrief. Seither schläft er schlecht, wartet auf den Antwortbrief.

Doch der kasachische Präsident hat längst geantwortet, wenn auch nicht per Brief. Ohne Zustimmung Putins möchte er sich nicht engagieren, sagte Nasarbajew. Moskauer Verwandte der Familie aus dem Nachbarzelt haben es im russischen TV gesehen und sind bereits fort. Statt in die Steppen Kasachtans in die Trümmerwüste Grosnys. Dorthin, wo nachts nach wie vor geschossen wird. Zurück in eine zerstörte Wohnung. Ohne Wasser, ohne Gas, ohne Strom. Und Fenstern ohne Scheiben.

Dennoch sind die Aslans Mitte Dezember in einen der Busse gestiegen, die täglich mehrere Hundert Flüchtlinge ins Nichts bringt. Zuvor haben sie eine Erklärung unterschrieben, dass der Rücktransport freiwillig erfolgt. Nur so haben sie ein halbes Jahr lang Anspruch auf staatliche Beihilfen: 20 Rubel täglich als Mietzuschuss und 14 Rubel für Essen. Zusammen etwas mehr als ein Euro. Es steht nicht fest, ob das Geld ankommt.

Doch die Kriegsflüchtlinge – allein in Inguschetien gehen Menschenrechtsorganisationen noch immer von 110 000 aus, 18 000 davon in den Zeltstädten, können nur wählen zwischen der Rückkehr nach Tschetschenien oder dem Umzug in „abgeschriebene Objekte“, die die Flüchtlingsbehörde für die Verweigerer angemietet hat: ehemalige Kuhställe, Lagerhallen und Scheunen.

Zwar hat weltweiter Protest die Zwangsrückführungen gestoppt. Ursprünglich sollten bis Jahresende alle Lager in Inguschetien geräumt werden. Dennoch fürchtet Swetlana Gannuschkina von der Moskauer Bürgerrechtsbewegung „Memorial“, es handle sich lediglich um eine Atempause für die „zeitweilig Vertriebenen“. Die Schließung des Lagers Inan, wo die Magomadows Zuflucht fanden, sei die Generalprobe für den Exodus gewesen, meint Gannuschkina.

Der Kostenfaktor ist dabei zweitrangig. Ende 2003 wählt Russland ein neues Parlament, im März 2004 muss Putin sich der Wiederwahl stellen. Spätestens in der heißen Phase des Wahlkampfs, meint Oleg Kussow vom russischen Dienst des US-Auslandssenders Radio Liberty, müsse das Reizthema Tschetschenien aus den Medien verschwinden. Das klappe nur, wenn die Lager aufgelöst werden. Außer Moskaus Soldaten können sich zwischen Tschetschenien und den angrenzenden Regionen nur die Flüchtlinge mehr oder minder ungehindert bewegen. Und ungefilterte Informationen an die Journalisten weitergeben, die Putins Sonderberater für Informationspolitik, Sergej Jastrschembskij, nur in Rudeln und von Presseoffizieren an der kurzen Leine geführt ins Krisengebiet lässt. Und für westliche Berichterstatter, die legal nur über „Reisebüro Jastrschembskij“ in Gruppen von 20 bis 25 Mann nach Tschetschenien reisen dürfen, gilt: kein Kontakt mit der Bevölkerung.

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