Hilfsorganisation : Ohne Schutz in Afghanistan

Die Mitarbeiter einer christlichen Hilfsorganisation, die im Nordosten von Afghanistan ermordet wurden, reisten unbewaffnet. Inzwischen weiß man, das deutsche Opfer stammt aus Sachsen. Waren sie leichtsinnig?

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Die Basis der IAM in Afghanistan.
Die Basis der IAM in Afghanistan.Foto: dpa

Die Ärzte der christlichen Hilfsorganisation International Assistance Mission (IAM) wussten, worauf sie sich einließen. Kurz vor dem Aufbruch zu ihrer Reise von Kabul in den Nordosten Afghanistans meldete sich die Britin Karen Woo in dem Internetblog „Bridge Afghanistan“: „Der Treck wird nicht einfach. Zu Fuß und mit Packpferden wird er drei Wochen dauern – kein Fahrzeug kann dieses bergige Gebiet erreichen“, schrieb die 36-Jährige. Diese Expedition werde nicht ohne Risiko sein. Aber eine medizinische Behandlung der Menschen, die es am bittersten nötig hätten, sei den schwierigen Einsatz Wert. Am Wochenende wurde bekannt, dass Karen Woo sowie neun andere Ärzte, Krankenschwestern und Dolmetscher diese Reise nicht überlebt haben. Sie wurden auf dem Heimweg überfallen und ermordet.

Was ist genau passiert?

Am Mittwochabend gab es IAM zufolge das letzte Lebenszeichen der Gruppe per Satellitentelefon. Zwei Tage später wurden die Leichen der sieben Männer und drei Frauen, neben der Britin auch eine Deutsche, sechs Amerikaner sowie zwei Afghanen, in einer entlegenen Bergregion gefunden. Am Sonntag wurden sie zur Identifizierung nach Kabul geflogen. Die Bundesregierung hat den Tod der Deutschen, die das Team als Dolmetscherin begleitete, inzwischen bestätigt. Die Frau stamme aus Sachsen und sei 35 Jahre alt gewesen, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes am Sonntag in Berlin. Weitere Einzelheiten teilte er nicht mit.worden.

Die Opfer lagen nach Polizeiangaben neben ihrem von Kugeln durchlöcherten Geländewagen, der sie zurück nach Kabul bringen sollte. Sie seien in einer Reihe aufgestellt und erschossen worden, sagte der Polizeichef von Badachschan, Aka Noor Kintos, unter Berufung auf den einzigen Überlebenden des Überfalls. Der afghanische Fahrer war nach eigenen Angaben verschont worden, weil er Koranverse zitierte. Zu dem Anschlag bekannten sich zunächst die Islamistenorganisation Hisb-e-Islami und später die radikalislamischen Taliban. Aber auch ein Raubmord wird nicht ausgeschlossen. Hierfür spräche, dass die Täter keine Geiseln nahmen, sondern vielmehr laut IAM-Leiter Dirk Frans Ausrüstung und Geld stahlen. Allerdings ließen sie das Fahrzeug stehen.

Die Gruppe war auf dem Rückweg von einem medizinischen Einsatz in der Provinz Nuristan, in der die Taliban sehr stark sind. Die Ärzte hätten mit ihrem Fahrer den Weg durch die als relativ sicher geltende Provinz Badachschan, die zum Zuständigkeitsbereich der Bundeswehr gehört, gewählt, um eine gefährliche Straße in Nuristan zu meiden, sagte Frans. Das Team „hatte keine Waffen und keinen Begleitschutz, wir kommen auf Einladung der Gemeinden“.

Waren die Ärzte unvorsichtig?

Der Wagen war nicht gepanzert, auch auf militärischen Schutz hat die Gruppe verzichtet. Das ist allerdings für in Afghanistan tätige Hilfsorganisationen nichts Ungewöhnliches. Auch die Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe lassen sich nicht von Militärs oder privaten Sicherheitsdiensten schützen und reisen unbewaffnet in ungepanzerten Fahrzeugen. „Damit gelten wir als weiche Ziele“, sagt Ralph Dickerhof, Pressereferent der Hilfsorganisation. Allerdings verzichteten die Mitarbeiter vor Ort inzwischen auf ihre auffälligen weißen Fahrzeuge, auf denen in großen Buchstaben das Logo prangt. „Stattdessen reisen die Mitarbeiter mit angemieteten Fahrzeugen, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen“, sagt Dickerhof. Um ihre Mitarbeiter besser zu schützen, hat sich die Bonner Organisation zudem an einem Sicherheitsnetzwerk für NGOs (Nichtregierungsorganisationen) beteiligt. Anso (Afghanistan NGO Safety Office) unterhält einen Benachrichtigungsservice, über den per SMS, Email oder Funk kurzfristig vor möglichen Gefahren gewarnt wird. „Wenn zum Beispiel auf einer bestimmten Straße Aufständische gesichtet werden oder es eine Explosion gab, werden unsere Mitarbeiter rasch informiert“, sagt Dickerhof. „Das ist ein sehr hilfreiches Instrument, garantiert aber natürlich auch keine absolute Sicherheit.“ Generell gefährdete Gegenden meidet die Organisation daher in der Regel.

Die Welthungerhilfe ist seit 1992 in Afghanistan aktiv, inzwischen aber nur noch mit acht internationalen und rund 250 nationalen Mitarbeitern. „Unser Ziel ist es, künftig mehr afghanische Fachkräfte zu beschäftigen und verstärkt mit vor Ort ansässigen Partnerorganisation zusammenzuarbeiten“, sagt der Sprecher. Projekte unterhält die Organisation vor allem in den nördlichen Provinzen Jawzjan und Faryab sowie in Nangarhar im Osten. Aus den Provinzen Takhar und Kundus hat sie sich aufgrund der schlechter gewordenen Sicherheitslage Ende Februar zurückgezogen.

Ähnlich verhält es sich mit der katholischen Hilfsorganisation Caritas International, neben der Welthungerhilfe eine der wenigen großen Organisationen, die noch im Land sind. Oliver Müller, Leiter von Caritas International, sagt, im Nordosten Afghanistans, wo der Anschlag stattfand, sei seine Organisation nicht mehr tätig. Die Caritas unterhalte „mit einem sehr kleinen internationalen Team“ noch Projekte in Zentralafghanistan, in Kabul und Umgebung sowie in der Gegend um Kandahar.

Wie kritisch ist die Sicherheitslage?

Die Taliban fühlen sich als Gewinner. Nachdem die internationalen Truppen sie von der Regierung in Kabul verjagt hatten, galten sie zwar als besiegt. Doch sie sind immer noch da. Und sie werden immer mehr. Weil sie Erfolge verbuchen können: Da sie besser zahlen, sind sie für viele arme Afghanen attraktive Auftraggeber. Dass die Verluste, die sie den ausländischen Truppen beibringen, in deren Heimatländern den Rückhalt für die Mission schwinden lassen, schreiben sie sich als politischen Geländegewinn zugute. Und weil sie mit ihrem Widerstand sogar die geplante US-Großoffensive im Keim erstickt haben, die nach dem Willen von Präsident Barack Obama die Wende hätte bringen sollen, sind sie auch militärisch wieder obenauf. In der Folge steigen die Opferzahlen – auf beiden Seiten. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) kündigte jüngst an, Deutschland müsse sich „in den kommenden Monaten auf mögliche weitere Verluste in Afghanistan einstellen“. Im Norden des Landes ist die Zahl der Anschläge auf Soldaten der Bundeswehr in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Allein im April starben dort sieben deutsche Soldaten. Seit Beginn des Bundeswehreinsatzes in dem Land am Hindukusch 2002 kamen 26 Bundeswehr-Soldaten bei Anschlägen oder Gefechten ums Leben.

Dabei sind in den vergangenen Jahren auch die internationalen Hilfsorganisationen ins Visier der Aufständischen geraten, die ausländische Hilfe jeglicher Art unterbinden wollen. Wobei, wie das Anso ermittelt hat, im ersten Halbjahr die Zahl der Angriffe auf Hilfsorganisationen rückläufig war, während gleichzeitig die Zahl der Überfälle auf Soldaten stark zugenommen hat. Das könnte aber auch daran liegen, dass viele NGOs ihre Projekte zusammengestrichen oder aufgegeben haben. Für Hilfsorganisationen sind die Zahlen dennoch ein Grund mehr, eine größtmögliche Distanz zu militärischen Kräften anzustreben, um ihre Mitarbeiter nicht unnötig in Gefahr zu bringen.

Was ist IAM für eine Organisation?

Als obersten Wert führt IAM auf seiner Homepage das „Vertrauen von Gott“ an. Für das christliche Hilfswerk arbeiten Freiwillige aus aller Welt, die ihre religiöse Einstellung nicht verschweigen. Man wolle den Menschen Afghanistans im Namen und Geiste von Jesus Christus dienen, heißt es beispielsweise im Jahresbericht 2009. Kurz vor ihrem Sturz Ende 2001 verboten die damals herrschenden Taliban IAM zusammen mit anderen christlichen Organisationen. Später setzte IAM die Arbeit fort. Nach eigenen Angaben behandelt das Hilfswerk Augenleiden und andere Beschwerden von mehr als 250 000 Afghanen pro Jahr. Seit etwa 40 Jahren in Afghanistan tätig, betreibt IAM Kiniken in Kabul, Herat, Masar-i-Scharif und Kandahar. Der Anführer der Ärztegruppe, ein US-Arzt, habe bereits seit Mitte der 70er Jahre in Kabul gelebt. Am Wochenende erklärten die Taliban, es habe sich um „christliche Missionare“ gehandelt, die Bibeln bei sich gehabt und in Afghanistan Spionage für die Nato betrieben hätte. Das wies IAM-Chef Frans entschieden zurück. Er beteuerte, seine Organisation halte sich streng an die afghanischen Gesetze, die jegliches Missionieren verbieten. Die Ermordeten hätten „nichts anderes getan, als den Armen zu helfen“. Alle bisherigen Erkenntnisse würden auf einen Raubüberfall von Kriminellen hindeuten, erklärte er.

Sind christliche Hilfsorganisationen stärker gefährdet?

Oliver Müller von Caritas International sagt, es bereite „keine Probleme“, eine christliche Organisation zu sein. Zwar werde das Caritas-Logo mit dem Kreuz nicht offensiv genutzt. Aber vor Ort würden die Helfer stets darüber sprechen, dass sie von einem christlichen Hilfswerk kommen, und meist werde auch verstanden, was die Caritas in Afghanistan wolle. „Wir werden an unseren Taten gemessen“, sagt Müller. Deshalb sei es entscheidend, sich „vom Militär und von missionierenden Organisationen fernzuhalten“. Bewaffneten Schutz lehne die Caritas ab. „Das macht unsere Glaubwürdigkeit aus.“ Ob nach dem Vorfall vom Wochenende die Sicherheitslage neu bewertet werden müsse, sei offen.

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