Hilfsorganisation : Rotes Kreuz: Es begann auf einem Schlachtfeld

Am 24. Juni 1859 lieferten sich in Solferino Österreicher auf der einen Seite und Italiener sowie Franzosen auf der anderen Seite einen erbitterten Kampf. 150 Jahre Rotes Kreuz – Lebensretter geraten immer wieder zwischen Fronten.

Jan Dirk Herbermann,John Zarocostas[Genf]

Der Chirurg des Roten Kreuzes verließ das Krankenhaus in dem kleinen Ort in Tschetschenien nur für wenige Tage. Kurz darauf drangen Bewaffnete in das Gebäude ein. Sie richteten ein Blutbad an. Fünf Schwestern und ein Ingenieur starben. Zuvor hatte der Chirurg, Chris Giannou, das Spital im Auftrag des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) eröffnet. Der Rot-Kreuz- Mediziner und seine Crew wollten den Verletzten und Verwundeten des Krieges in Tschetschenien helfen. Russen und Rebellen bekämpften sich bis aufs Messer – ohne Rücksicht auf Verluste unter den Zivilisten.

Das Massaker von Novy Atagi im Dezember 1996 rüttelt Giannou noch heute auf. „Es war grauenhaft“, erinnert sich der 59-Jährige. Gewalt wie in Tschetschenien erlebte Giannou in vielen Konflikten: „Es ist eine lange Liste: Libanon, Somalia, Kambodscha, Tansania, Uganda, Sudan, Tschad, Sierra Leone, Liberia, Nepal, Sri Lanka und Irak“, sagt der 59-Jährige. Der Mann mit dem wuchtigen Schnauzer steht damit in der besten Tradition des Roten Kreuzes: jener neutralen und verschwiegenen Genfer Organisation, deren Geburtsstunde vor 150 Jahren auf einem Schlachtfeld in Italien schlug.

Am 24. Juni 1859 lieferten sich in Solferino Österreicher auf der einen Seite und Italiener sowie Franzosen auf der anderen Seite einen erbitterten Kampf. Am Ende des Ringens bedeckten 40 000 wimmernde Verwundete die zerpflügte Erde. Ein junger Mann aus Genf, Henry Dunant (1828–1910), sah das Grauen. Und half den Opfern, so gut er konnte. Das Elend prägte Dunant so tief, dass er „Gesellschaften zum Schutze der Verwundeten“ gründen wollte. In seiner Heimatstadt Genf fand er Mitstreiter – und so entstand das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. 150 Jahre nach dem Grauen von Solferino ist das IKRK eine internationale Organisation, die mit 12 000 Mitarbeitern den Opfern von Kriegen und Bürgerkriegen beisteht. Im vorigen Jahr musste das IKRK rund eine Milliarde Schweizer Franken für die humanitäre Hilfe ausgeben – ein neuer Rekord. Henry Dunant wurde im Jahr 1901 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Nach dem Bankrott seiner Unternehmungen starb er am 30. Oktober 1910, arm und einsam. Das rote Kreuz auf weißem Grund jedoch verspricht nach wie vor medizinische Hilfe. Ärzte wie Chris Giannou versorgen und operieren Hunderttausende von Verletzten. Zurzeit liefern die Helfer den Menschen im Konfliktgebiet im Nordwesten Pakistans Medikamente und humanitäre Güter. In der Endphase des Bürgerkriegs in Sri Lanka evakuierte das IKRK tausende Zivilisten aus dem Konfliktgebiet.

Warum begibt man sich als Arzt in die Gefahr? „Ich wurde ein Doktor, weil ich die Menschen mag“, erzählt Giannou. „Ich dachte immer, ich kann meinen Mitmenschen am besten helfen, indem ich das Leiden lindere.“ Aber der Mann, der die Schrecken des Krieges so oft und so nah erlebte, schränkt gleich ein: „Ich gebe erst gar nicht vor, Leben zu retten. Ich schiebe den Tod hinaus.“

Giannou suchte sich ein blutiges Handwerk aus: Artillerie, Granaten, Minen, Gewehre, Streumunition und Raketen verursachen oft fürchterliche Verletzungen. „Man sieht eine Mischung aus Verletzungen durch Metallsplitter, Projektile, die den Körper durchdringen, Wunden durch Sprengstoff und Verbrennungen“, erklärt Giannou. „Die Art der Verletzung variiert mit der Waffe, die eingesetzt wurde.“ Nicht alle Mediziner eignen sich für den Kriegseinsatz. „Einige Leute, exzellente Ärzte, exzellente Sanitäter, können einfach ihre Ängste nicht kontrollieren. Sie können nicht in einer gefährlichen Umgebung arbeiten“, sagt Giannou. Und trotz aller Appelle an die Kriegsparteien: Immer wieder geraten die Lebensretter unter Beschuss. Zuletzt wehte während des Sri-Lanka-Konflikts die Rot-Kreuz-Flagge über der Genfer Zentrale auf Halbmast – wieder hatten Mitarbeiter im Einsatz für die Verletzten ihr Leben gelassen.

Diese Gewalt gegen das Rote Kreuz ist relativ neu. Zu Zeiten des Kalten Krieges konnten die Rivalen USA und Sowjetunion ihren Verbündeten in den Stellvertreterkriegen eine gewisse Disziplin abverlangen. „Das bedeutete auch Respekt vor dem Roten Kreuz und den Gesellschaften des Roten Halbmonds in islamischen Ländern, Respekt vor der medizinischen Neutralität“, erinnert sich Giannou. Heute unterschieden sich die Kämpfer oft nicht von Banditen. „Denen mangelt es einfach an Respekt vor der humanitären Arbeit“, sagt Giannou. Resignation schwingt in seinen Worten mit.

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