Hilfsorganisationen : Global handeln, lokal sammeln

Der deutsche Förderverein ist eine wichtige Stütze für Unicef – der Skandal könnte das ändern.

Jan Dirk Herbermann[Ulrike Scheffer],Jürgen Zurheide
Spendendose UNICEF
Unicef soll das DZI-Spendensiegel verlieren. -Foto: dpa

Genf/Düsseldorf/BerlinDie Vereinten Nationen stiften Frieden und retten Leben. Weltweit sind UN-Soldaten in Krisengebieten im Einsatz, verteilen die Hilfswerke der UN Lebensmittel und Medikamente – aber die Weltorganisation ist auch ein riesiger bürokratischer Apparat. Seit Jahren wird unter den 192 Mitgliedsstaaten daher über eine Reform gestritten, um die UN effizienter und schlagkräftiger zu machen. Seit bei Unicef in Deutschland über den Umgang mit Spenden debattiert wird, hat diese global geführte Debatte die lokale Ebene erreicht.

Bei den UN sei der Umgang mit Geld im Allgemeinen eher locker, wird unter deutschen Entwicklungshelfern gemunkelt. Das habe offensichtlich auf das deutsche Komitee für Unicef abgefärbt. Offen anprangern möchte allerdings kaum jemand die Kollegen „in Weiß“. Schließlich arbeiten viele deutsche Hilfswerke in Krisengebieten eng mit den UN zusammen oder sind dort sogar im Auftrag einer UN-Unterorganisation tätig. Doch auch in den Empfängerländern selbst gibt es immer wieder Kritik an den UN. So äußerte etwa der afghanische Wirtschaftsminister Amin Farhang in Interviews mit dem Tagesspiegel mehrfach, dass bei den UN und anderen großen Hilfsorganisationen zu viel Geld für Gehälter und Ausstattung ausländischer Experten ausgegeben werde und zu wenig bei den Bedürftigen ankomme. Die traditionell weißen UN-Jeeps sind der afghanischen Hauptstadt Kabul und anderswo zum Symbol für die kostspielige Bürokratie der Weltorganisation geworden.

Unicef war von der Kritik bisher weitgehend verschont geblieben - möglicherweise, weil es basisnah organisiert ist. Das Kinderhilfswerk ist die einzige Unterorganisation der UN, in der ganz normale Bürger mitarbeiten können. In insgesamt 37 Staaten haben sich nationale Komitees gegründet, die die Arbeit von Unicef international unterstützen. Allein in Deutschland sind rund 8000 ehrenamtliche Mitarbeiter für Unicef aktiv. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Spenden für Unicef-Projekte in aller Welt zu sammeln. Hinzu kommen viele Prominente, die als sogenannte Unicef-Botschafter auftreten.

Rund ein Drittel des Unicef-Etats wird aus den von den Komitees gesammelten Spenden bestritten. Der Rest kommt von den Mitgliedsstaaten und auch von privaten Unternehmen. Der deutsche Förderverein ist einer der umtriebigsten. 2006 sammelte er 74 Millionen Euro Spenden, hinzu kamen rund 13 Millionen Euro Einnahmen aus dem Verkauf von Grußkarten. Damit lagen die Deutschen hinter Japan auf Platz zwei der „Top-20“ aller Komitees – weit vor den USA, Frankreich, den Niederlanden oder der Schweiz .

Da sich nun immer mehr Spender und auch prominente Unterstützer von Unicef Deutschland abwenden, werden die Verantwortlichen bei Unicef international allmählich nervös. „Wir sind natürlich besorgt über die Vorkommnisse bei Unicef Deutschland und erwarten, dass die Verantwortlichen das Vertrauen wieder herstellen“, sagte der Kommunikationschef der Europazentrale in Genf, Michael Klaus, dem Tagesspiegel.

Der Streit zwischen dem Geschäftsführer des deutschen Fördervereins, Dietrich Garlichs, und dem Vorstand auf der einen Seite und der zurückgetretenen ehrenamtlichen Vorsitzenden Heide Simonis entwickelt sich allerdings immer mehr zur Schlammschlacht. Aus dem Umfeld der Kölner Unicef-Zentrale wird der früheren schleswig-holsteinischen Ministerpräsidentin Simonis vorgeworfen, die Kölner Staatsanwaltschaft und Polizei mit Material gegen Geschäftsführer Garlichs versorgt zu haben. Dem Tagesspiegel liegen Unterlagen vor, die belegen, dass Simonis anonyme Hinweise zu Beraterverträgen weiterleitete, die in ihrem Kieler Büro eingegangen waren. Zusätzlich erhielt die Staatsanwaltschaft Kostenschätzungen zum Umbau der Unicef-Verwaltung, die nach Ansicht der Politikern nicht ausreichend im Etat ausgewiesen waren.

Simonis bestreitet dies nicht. Ihr Mitarbeiter Matthias Beigel erklärte dem Tagesspiegel, die Informationen seien weitergegeben worden, um nicht in den Verdacht der Aktenunterdrückung zu geraten. In einem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, erklärt ein Mitarbeiter aus Köln zudem, Beigel habe ihn schon lange vor dem aktuellen Skandal aufgefordert, Aktennotizen über Gespräche mit Garlichs anzufertigen, was er aber abgelehnt habe. Beigel hält dies „für denkbar“. Er selbst mache ebenfalls häufig Aktenvermerke, sagte er dem Tagesspiegel. „Damit werden Vorgänge nachvollziehbar, genau daran mangelt es bei Unicef."

Immerhin kann Unicef damit rechnen, sein Spendensiegel zu behalten. Burkhard Wilke, der Geschäftsführer der vergebenden Organisation, dem DZI, will das Ergebnis der derzeitigen Prüfung zwar nicht vorwegnehmen, kommt aber zu dem Schluss: „Nach bisheriger Einschätzung sind die Probleme sachlich zu begrenzen“. Dem DZI gegenüber sei Unicef transparent. Für Wilke steht fest: Bei Unicef Deutschland gibt es vor allem ein Problem – ein Führungsproblem.

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