Hillary Clinton ist US-Präsidentschaftskandidatin : Die Rede ihres Lebens

Hillary Clinton präsentiert den Gegenentwurf zu Trump: Wir statt Ich, Optimismus statt Schwarzmalerei, Hoffnung statt Zorn, Lösungsansätze statt Beschwerden.

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Hillary Clinton beim Parteitag der Demokraten.
Hillary Clinton beim Parteitag der Demokraten.Foto: AFP

Die Nacht, in der Hillary Clinton zur ersten Präsidentschaftskandidatin in der Geschichte der USA wird, ist ein Gegenentwurf zu Donald Trumps Welt, in vielerlei Hinsicht. Dabei haben sie doch manches gemeinsamen in diesem merkwürdigen Wahljahr 2016 - ganz voran die Ablehnung und das Misstrauen, das eine klare Mehrheit der Wähler gegen beide hegt.

Hillary Clinton wusste, dass sie die Rede ihres Lebens halten muss, um ihre Favoritenrolle zurück zu erobern. Nach dem Republikanische Parteitag hat Donald Trump unerwartet stark zugelegt in den Umfragen und führt im Schnitt der Erhebungen. Aber sie liefert eine gute Rede ab. Seinem Ich-Ansatz stellt sie ein Wir entgegen. Seine Schwarzmalerei beantwortet sie mit Optimismus. Während er Angst und Zorn schürt, setzt sie auf Hoffnung. Und sie bietet konkrete Lösungsansätze an, wo er nur sehr vage verspricht, dass mit ihm alles besser werde - ohne zu sagen, wie.

In ersten Blitzumfragen legt sie zu

In ersten Blitzumfragen belohnen die Zuschauer ihre Auftritt mit einem Anstieg der Zustimmung um fünf Prozentpunkte: von 73 auf 78 Prozent.

Es ist 22 Uhr 29, als Hillary auf die Bühne kommt: im hellen Hosenanzug, als sei sie eine Businesswoman. Bei Wahlkampfauftritten bevorzugt sie kräftigere Farben. Sie schreitet die ganze Bühnenfront ab und winkt ins Publikum. Gleich halblinks vor dem Rednerpult sitzt die Delegation aus ihrem Heimatstaat New York, halbrechts die aus Virginia, wo Vize Tim Kaine zuhause ist. Und etwas dahinter die Abordnung aus dem gastgebenden Staat Pennsylvania, der zu den "Battlefield States" in diesem Herbst gehören wird. Seit Jahren hat die Mehrheit hier verlässlich demokratisch gestimmt, aber es gibt auch viele Opfer der Wirtschaftskrise und des Strukturwandels, die Trump zu gewinnen hofft.

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Hillary Clinton nimmt Nominierung an
Hillary Clinton nimmt Nominierung an

Einige Frauen weinen vor Ergriffenheit

Eine Mischung aus Begeisterung und Ergriffenheit liegt über der Arena, manche Frauen weinen. Die historische Premiere - eine Frau als Spitzenkandidatin - ist schon so oft beschworen worden, dass viele sie kaum noch der Erwähnung wert halten. Für andere ist es ein großer Einschnitt, auch emotional.

Clinton spricht erst einmal über ihre Familie, ihre Freunde, das Wahlkampfteam, ihren innerparteilichen Kontrahenten, als wolle sie gezielt ihre menschliche Seite zeigen, nicht nur die Politikerin. "Bill", wendet sie sich an ihren Ehemann und knüpft an seine Rede vom Dienstag an: "Das Gespräch, das wir vor 45 Jahren in der Bibliothek der Jura-Fakultät begonnen haben, ist noch immer ein starkes Band. Es war oft eine Freude, aber wir wurden auch auf die Probe gestellt", deutet sie seine Affären an.

Sie spricht mit selbstsicherer Gelassenheit. Sie wiederholt nicht den Fehler aus unzähligen Wahlkampfauftritten, wo sie immer lauter redete, wenn sie ihre Leidenschaft ausdrücken wollte. Ist David Axelrod, Barack Obamas Wahlkampfmanager 2008, endlich mit seinem Rat durchgedrungen: "Lass das Mikrofon die Arbeit tun!"?

Den Sanders-Fans verspricht sie: Ich höre euch

Sie dankt Bernie Sanders und seinen Anhängern: "Ich habe euch gehört. Euer Anliegen ist unser Anliegen. Jetzt lasst es uns wahr machen." Zuhören, Zusammenschluss, Kompromissbereitschaft - das ist ihr Ansatz. Sie leitet ihn von der Gründungsgeschichte ab. "Hier in Philadelphia entschied sich das Schicksal unserer Nation." Viele der 13 aufmüpfigen Kolonien wollten sich vom Mutterland lösen, andere nicht. Aber dann dann begannen sie einander zuzuhören. Und Kompromisse zu schließen.

"Wir müssen uns auf unseren Wahlspruch besinnen: E pluribis Unum. Ihr habt Donald Trump letzte Woche gehört. Er will uns spalten."

"Wir werden keine Mauer, sondern eine starke Wirtschaft bauen, in der Millionen Einwanderer zum gemeinsamen Wohl beitragen. Wir werden keine Religion diskriminieren, sondern zusammenhalten und mit unseren Alliierten kooperieren."

"Er allein? - Amerika will keine Alleinherrscher"

Viele in Amerika leiden Not, gibt sie zu. Viele haben seit Jahren keine Gehaltserhöhung gesehen. "Lasst euch nicht einreden, wir seien schwach. Lasst euch nicht einreden, wir hätten keine Kraft mehr. Und vor allem: Glaubt niemandem, der behauptet: Nur ich allein kann die Probleme lösen."

Sie fragt rhetorisch: "Er allein? Wirklich? Als die Verfassungsväter dieses Land gründeten, wollten sie von keinem Alleinherrscher regiert werden. Wir können es nur zusammen: Polizisten, Arbeiter, Unternehmer, Lehrer, Mütter, Väter: Gemeinsam werden wir die Probleme lösen."

Nun füllen "Hil-la-ry, Hil-la-ry"-Sprechchöre die Arena. Wie ein Glaubensbekenntnis bekräftigt sie: "Love Trumps hate." Und leitet zu dem Satz über, den Trump ganz an den Anfang seiner Parteitagsrede gestellt hatte: "In diesem Geist akzeptiere ich eure Nominierung als Präsidentin der Vereinigten Staaten." Jubel brandet auf, und die Delegierten strecken ihre länglichen blauen Poster mit der von oben nach unten zu lesenden Aufschrift "S-T-R-O-N-G-E-R" und "H-I-L-L-A-R-Y" in die Höhe.

"Service" fällt ihr leichter als "Public"

Kommentatoren hatten gespannt gefragt, wie sie wohl ihr Hauptproblem ansprechen werde? Mehr als die Hälfte der Bürger halten sie für verschlossen und für nicht vertrauenswürdig. Sie kann sich nicht neu erfinden. Nach 40 Jahren im öffentlichen Leben hat sich das Bild von ihr verfestigt. Ja, sie leiste seit Jahrzehnten "Public Service", sagte Clinton. Dabei gehe ihr der "Service", die Arbeit an den Sachproblemen, leichter von der Hand als das "Public", ihr öffentliches Auftreten. "Und deshalb können mich manche Leute nicht richtig einordnen." 

Sie setzt ihre Herkunft dagegen. Ihre Eltern seien ein Vorbild an Selbstlosigkeit gewesen. "Man gab nicht an. Sondern die Devise war: Niemand schafft etwas alleine. Nur was man gemeinsam anpackt, gelingt." Als sie jung war, konnten viele Mädchen nicht zur Schule gehen, weil sie in der Familie aushelfen mussten, um das Auskommen zu sichern. "Das hat mich geprägt. Ich verstand: Um Fortschritt erreichen, müssen wir die Gesetze ändern. Und die Herzen. Wir müssen uns zusammentun."

Die Mutter verlangte: Lern dich zu wehren

Wenn man Rückschläge erleidet, muss man wieder aufstehen und weiter kämpfen. Ihre Mutter habe sie, als sie von Jungen gehänselt wurde, wieder hinausgeschickt. "In unserem Haus dulden wir keine Feiglinge. Du musst lernen, wie du dich wehrst." Auch diese Einstellung sei geblieben. Nach ihrem gescheiterten Anlauf zur allgemeinen Krankenversicherung erreichte sie immerhin eine Absicherung für acht Millionen Kinder.

Erst jetzt spricht sie die historische Premiere an, als wolle sie nicht zu plakativ damit werben. "Die Demokraten sind die Partei des Fortschritts. Sie haben als erste eine Frau als Präsidentin nominiert. Das ist nicht nur gut für Frauen und eine Hoffnung für kleine Mädchen. Wenn Barrieren fallen, ist das gut für alle."

Und wo sie schon bei den Erfolgen ist: Präsident Obama und Vize Joe Biden erhalten nicht genug Anerkennung für ihre Leistung. Sie haben das Land aus der schweren Rezession geführt. Mehr Amerikaner haben Jobs als je zuvor. Die Autoindustrie, die am Rand des Bankrotts stand, hatte gerade das beste Jahr ihrer Geschichte. "Wir sind die Partei der einfachen Leute. Wir haben aber nicht gut genug erklärt, was wir für die Arbeiter tun."

Ihre erste Aufgabe als Präsidentin werde es sein, "mich um die Krisenregionen zu kümmern, die Kohleregionen und strukturschwachen Gebiete. Und um die Mittelklasse." Sie glaube an wissenschaftliche Erkenntnisse. "Der Klimawandel ist eine Realität." Erneuerbare Energien können Millionen gute Jobs schaffen. "Und wir werden fleißige Zuwanderer nicht aus dem Land weisen."

"Schließt euch an!"

Sie wirbt nun gezielt um Wechselwähler. "Egal, welcher Partei ihr angehört, wenn ihr diese Ideen teilen könnt, dann sind wir eure Bewegung. Wenn ihr gegen unfaire Handelsabkommen seid, dann schließt euch an. Wenn ihr glaubt, dass eure arbeitenden Frauen, Mütter und Töchter gleichen Lohn für gleiche Arbeit verdienen, schließt euch an."

Von Donald Trump "habt ihr solche Ziele nicht gehört, obwohl er weit über eine Stunde geredet hat - nicht wahr? Er bietet keine Lösungen an." 

Gemeinsam mit Bernie Sanders werde sie die Studiengebühren senken und die Schuldenlast der Absolventen senken. Ein Studium dürfe a ber nicht der einzige Zugang zu guten Jobs sein. "Wir werden mehr Menschen eine nicht-akademische Berufsausbildung vermitteln."

Die Reichen sollen zahlen

Und wie will sie das alles finanzieren? "Wall Street und die Reichen werden ihren fairen Anteil bezahlen. Wir haben nichts dagegen, dass Erfolg sich auszahlt." Doch

dann sollen die Erfolgreichen sich an den Kosten beteiligen." Sagt sie, die doch selbst zu den Reichen gehört.

Dann nimmt sie sich Trump vor. "Manche sagen, der ist als Businessman erfolgreich, der muss etwas von Wirtschaft verstehen. Lasst uns genauer hinschauen." In seinen Casinos in Atlantic City habe er die Handwerker nicht bezahlt. Und "schaut euch an, wo Trumps Produkte hergestellt werden: in China, in Mexiko, im Ausland, nicht in Amerika." Wenn er Amerika wieder groß machen wolle, könnte er damit anfangen, seine Waren in Amerika produzieren zu lassen.

Trump sagt, er verstehe den IS besser als unsere Generäle. "Nein, Donald, das tust du nicht!" Er nenne "unser Militär ein Desaster. Ich habe mit unserem Militär zusammengearbeitet und weiß, dass es großartig ist." Ein Präsident sollte die Soldaten ehren. "Haltet ihr Trump für geeignet, Commander in chief zu werden?", fragt sie. "No!" schallt es zurück.

Attacken auf Trump

Trump könne nicht einmal das Auf und Ab eines Wahlkampfs ertragen. Er verliere das Temperament, wenn Journalisten unangenehme Fragen stellen. Oder er in einer TV-Debatte kritisiert wird. "Einem Mann, den eine Twitter-Nachricht außer Fassung bringen kann", dürfe man die Atomwaffen nicht anvertrauen.

"Wir können uns auch keinen Präsidenten leisten, den die Waffenlobby in der Tasche hat. Ich will das Recht auf Waffenbesitz nicht beseitigen. Aber ich will die Bürger davor schützen, von Menschen erschossen zu werden, die legalerweise gar keine Waffe haben dürften. Wir dürfen nicht zulassen, dass Verbrecher besser bewaffnet sind als die Polizei. Ich weigere mich, hinzunehmen, dass wir da keine vernünftige Reform zustande bringen. Versetzt euch in Polizisten, die sich morgen von Frau und Kindern verabschieden, um zur Arbeit zu gehen." 

Viel zu lange habe man Trumps Sprüche nicht ernst genommen. Und sich damit getröstet, er könne nicht ernsthaft meinen, was er sagt. "Er hat Frauen Schweine genannt, er hat Behinderte verspottet. Inzwischen sollten wir gelernt haben: Er meint, was er sagt. Es gibt keinen anderen, besseren Donald Trump."

Ihre Mutter hatte Recht, sagt Hillary. "Man muss lernen, sich zu wehren", auch gegen Bullys wie Trump.

Ein Meer aus bunten Luftballons

"Heute Nacht beginnen wir ein neues Kapitel", schließt Hillary ihre Rede nach 58 Minuten. "Amerika wird besser und großartiger sein als je zuvor."

Die Delegierten schwenken wieder ihre hoch aufragenden "S-T-R-O-N-G-E-R"- und "H-I-L-L-A-R-Y"-Poster. Ihr Vize Tim Kaine kommt als erster Gratulant auf die Bühne. Sie fassen sich bei den Händen, reißen die Arme energisch in die Höhe und präsentierten sich den Delegierten als Ream.

Es folgt das traditionelle Schauspiel wie an jedem Abschlussabend eines Parteitags: Feuerwerk glitzert über die Monitore. Es regnet blaue, rote, weiße Luftballons aus der Decke der Arena. Und nun drängen auch die Familienmitglieder auf die Bühne: Bill Clinton, Chelsea mit ihrem Ehemann Marc Mezvinsky sowie Ehefrau, Kinder und Enkel von Tim Kaine. Sie waten durch ein Meer aus Luftballons, manche sind so groß, dass sie bis über Kniehöhe reichen. 

"Stronger together" dröhnt als Song aus den Lautsprechern, "Stronger together" verkünden als Schriftzug die Monitore. Vor vier Tagen noch drohte die Emailaffäre einen neuen Spalt zwischen Clinton- und Sanders-Anhänger zu treiben. Nun, am Ende der Convention, fühlen sich die Demokraten wie eine große starke Familie voller Siegeszuversicht. 

 

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