Himmelfahrtsmesse : Türkische Nationalisten gegen Gottesdienst

Erstmals seit fast 100 Jahren dürfen orthodoxe Chriten in der Türkei an diesem Sonntag im historischen Sümela-Kloster bei Trabzon im Nordosten der Türkei eine Messe zu Maria Himmelfahrt feiern. Doch Nationalisten protestieren.

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Für viele orthodoxe Christen in der Türkei ist es ein Tag, auf den sie lange gehofft haben: Erstmals seit fast 100 Jahren dürfen sie an diesem Sonntag im historischen Sümela-Kloster bei Trabzon im Nordosten der Türkei eine Messe zu Maria Himmelfahrt feiern. Am Kloster werden mehrere tausend Christen erwartet, darunter der orthodoxe Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I. Doch türkische Nationalisten protestieren, sie wittern eine Verschwörung gegen die Republik.

Der Zufall will es, dass die Gegend um Trabzon nicht nur eine uralte christliche Region in Anatolien ist, sondern heutzutage auch eine Hochburg radikaler türkischer Nationalisten. Die mutmaßlichen Mörder des türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink kommen aus Trabzon, hier wurde vor vier Jahren der katholische Priester Andrea Santoro in seiner Kirche erschossen. Niemand habe etwas gegen Touristen, sagte Süleyman Latif Yunusoglu, ein rechtsnationaler Parlamentsabgeordneter aus Trabzon. „Aber eine Messe zu feiern, das ist etwas ganz anderes.“

Im vierten Jahrhundert sollen Mönche eine vom Evangelisten Lukas gemalte Marien-Ikone in einer Felsenhöhle südlich von Trabzon entdeckt haben, später entstand hier das Sümela-Kloster, das sich wie ein Schwalbennest an den senkrecht abfallenden Fels klammert. In den 1920er Jahren mussten die allermeisten Griechen die Gegend verlassen: Mit einem Bevölkerungsaustausch wollten Türkei und Griechenland damals klare ethnische Verhältnisse schaffen. Die Ikone wurde ebenfalls nach Griechenland gebracht, das Kloster wurde zum Museum erklärt. Gottesdienste gab es seitdem nicht mehr.

Umso dankbarer seien die Christen, dass nun die Genehmigung vom Kulturministerium in Ankara gekommen sei, sagte Patriarch Bartholomäus der Zeitung „Sabah“. Die türkische Regierung bemüht sich seit einiger Zeit, den Christen mit politischen Gesten entgegenzukommen. Als „Friedensbotschafter“ reisten die Christen nun nach Sümela, sagte Bartholomäus. Er sei sicher, dass die Muslime in Trabzon Verständnis für die christliche Marienverehrung hätten. Schließlich zolle auch der Koran der Mutter Jesu viel Respekt.

Von diesem religiösen Respekt ist bei den Nationalisten in Trabzon nicht viel zu spüren. Sie wollen die Messe nicht, und an einem 15. August schon überhaupt nicht. Dass das christliche Fest Maria Himmelfahrt nun einmal auf diesen Tag fällt, lassen sie nicht gelten. Rechtspolitiker Yunusoglu betonte, es sei vielsagend, dass die Messe ausgerechnet am Jahrestag der osmanischen Eroberung des damals noch byzantinischen Trabzon, dem 15. August 1461, gefeiert werden solle. Die rechtsgerichtete Zeitung „Yenicag“ verwies darauf, dass auch der bewaffnete Kampf der PKK-Kurdenrebellen an einem 15. August begann. All das mache die Messe zu einer „Rache“-Kundgebung.

Die Polizei in Trabzon will Störungen der Messe verhindern und erhöhte die Zahl der Zivilstreifen in Trabzon um das Vierfache, wie Zeitungen berichteten. Beamte der Antiterror-Abteilung verhörten einen rechtsgerichteten Lokalpolitiker und drei weitere Verdächtige, die auf Facebook zu Aktionen gegen die Christen aufgerufen hatten. „Stoppt die Messe am 15. August“, lautete das Motto.

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