Hindukusch : Jeden Tag Raketen in Afghanistan

Warum die Deutschen im Norden Afghanistans immer mehr in Bedrängnis kommen – ein Report vom Hindukusch.

Martin Gerner[K],us
Afghanistan
Deutsche Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. -Foto: dpa

Das Lager Kundus, von Weitem mit einer langen unscheinbaren Mauer umgeben, erweist sich aus der Nähe als Hochsicherheitstrakt mit Stacheldraht, Kameras und meterhohen Mauern. Es liegt außerhalb der Stadt auf einem Plateau. Viele Raketen verfehlen ihr Ziel, landen im weiteren Umfeld. Doch die deutschen Soldaten in Afghanistan sind nichts weniger als völlig geschützt. Eine Bundeswehr-Patrouille war am Mittwoch in der Nähe des Feldlagers Kundus in mehrere Hinterhalte geraten, bei einem Feuergefecht mit den Attentätern kam ein Soldat ums Leben. Insgesamt neun Bundeswehrangehörige wurden bei zwei Anschlägen verletzt.

Und während nun in Deutschland einmal mehr über den Abzug der Bundeswehr vom Hindukusch und mögliche Konsequenzen des doppelten Zwischenfalls diskutiert wird, verneinen afghanische Medienvertreter die These, die Anschläge hätten gezielt dem Besuch von Außenminister Steinmeier gegolten. „Ähnliche Zwischenfälle gehören mittlerweile leider zum Alltag“, sagt Hafez, ein erfahrener Journalist in Kundus. Im Distrikt Chahar Dara, wenige Kilometer vom Tatort entfernt, gebe es nicht nur eine Gruppe lokaler Kämpfer gegen Regierung und Isaf-Soldaten, die der Bevölkerung Angst einjagten. Die Behörden gingen auch davon aus, das eine kleinere Anzahl von Usbeken und Tschetschenen mit möglicherweise terroristischem Hintergrund in den vergangenen Monaten eingeschleust worden seien. Der Widerstand werde außerdem durch finanzielle Zuwendungen aus Pakistan gesteuert, heißt es.

„Auf dem Land herrschen bis zu 90 Prozent Arbeitslosigkeit“, erzählt der Leiter eines deutschen Polizeikontingents. Taliban werben entsprechend unter jungen Männern mit Geld, damit sie für sie Aufträge ausführen, und sei es nur zeitweise. Das flache trockene Land und Armut sind oft Synonyme. „Marg mekhai, burro ba Kunduz“; „Wenn du den Tod suchst, dann geh nach Kundus“, lautet ein afghanisches Sprichwort, angesichts von Entbehrungen, die bis heute nicht verschwunden sind. Die Stadt Kundus hat es da besser. Die Stromversorgung ist durch den Nachbarn Tadschikistan reibungsloser als in Kabul. „Jedes Mal, wenn ich hier bin, spüre ich den Fortschritt“, sagte der in Bonn tätige afghanische Konsul. Er stammt aus Kundus.

Keiner der zahlreichen Gesprächspartner in Kundus will die Rückkehr der Taliban – wobei ihr Name tatsächlich ein Sammelbegriff für viele Unzufriedene ist. Oft wollen sie auf ihre Weise an den Entwicklungsgeldern teilhaben. Fast genauso groß ist die Sorge der Menschen vor kriminellen Gruppen, die Gelder erpressen oder Entführungen planen. Sie lassen sich neuerdings von politisch motivierten Aufständischen einspannen.

Im kritischen Bezirk Chahar Dara, wo auch Patrouillen der Bundeswehr vorbeikommen, laufen zurzeit eine Reihe internationaler Hilfsprojekte. Anwohner erzählen von vereinzelten „Nachtbriefen“. Darin wird die Bevölkerung vor der Zusammenarbeit mit der Regierung und dem internationalen Militär gewarnt. In einem der Briefe wurden Frauen der örtlichen Klinik davor gewarnt, ihre Arbeit fortzusetzen.

Die afghanische Armee hat vor Monatsfrist militärisch im Bezirk Chahar Dara eingegriffen. Offenbar ohne durchschlagenden Erfolg und unter Verlusten. Es sei noch ein langer Weg, bevor afghanische Polizei und Armee in voller Stärke als Staatsmacht auftreten könnten, sagt der deutsche Polizeileiter über Versuche, mehr afghanische Polizei im Norden auszubilden. Das Ziel von 134 000 Polizisten und ebenso vielen Armeeangehörigen sei eine optimistische Zahl. Gleichwohl liegt hier weitgehend unbestritten die eigentliche Rückzugsversicherung für Bundeswehr und Nato-Staaten aus Afghanistan.

Jetzt rücken die Wahlen näher. Im August wird ein Nachfolger für Präsident Karsai gewählt. Bundeswehr und Nato-Staaten haben weitere Truppen zur Sicherung des Urnengangs versprochen. „Patrouillen-Fahrten, wie sie die Deutschen in Kundus unternehmen, machen Sinn, vor allem psychologisch. Um zu zeigen, dass man das Terrain nicht kampflos aufgibt“, meint ein Anwohner. Er schätzt den Kontakt der Deutschen zu lokalen Schuren und Maliks positiv ein. Die Meinungen gehen aber auseinander. „Die Deutschen sind schwerfälliger mit ihren Patrouillen als etwa die Schweden und ein leichteres Ziel“, meint ein internationaler Beobachter im Norden. Bis zu acht Fahrzeuge sind in einer Patrouille unterwegs.

Noch vor Wochenfrist herrschte im deutschen Regionalen Wiederaufbau-Team (Provincial Reconstruction Team, PRT) von Kundus gute Stimmung. Zwei Wochen ohne feindliche Raketen stimmten zuversichtlich. „Der Beschuss auf das Lager beginnt meist nach dem Ruf des Muezzins abends gegen halb sieben“, erzählt ein Soldat. Auf dem Plateau des Lagers steht die Mediothek, ein afghanisches Zentrum für Kultur und Zivilgesellschaft, finanziert seit Jahren unter anderem aus deutschen Mitteln. Erwachsene und Jugendliche gehen hier täglich ein und aus. „Wir sehen manchmal die Raketen im Dunkeln durch den Abendhimmel fliegen“, erzählt der Gärtner. Angst ist den Mitarbeitern der Mediothek nicht anzumerken. Sie leben mit den Verhältnissen als Teil des Alltags.

In wenigen Kilometern Luftlinie zum PRT entsteht hier eine unabhängige Zeitschrift, wird Theater geprobt und gesungen. Sultan Karimi, der Leiter der Mediothek, kennt Vertreter des deutschen PRT aus langjähriger Anschauung. „Es hat eine Reihe von Versprechungen gegeben, aber letztendlich hat uns das Militär mehr als einmal enttäuscht“, erzählt er. „Bewaffnung war dabei auch ein Thema. Anfangs kamen Bundeswehrangehörige mit Schusswaffen zu den Treffen. Das ging natürlich nicht.“

Die zivil-militärische Zusammenarbeit zwischen deutschem PRT und unabhängigen Hilfsorganisationen bleibt ein kontroverses Thema. Viele Helfer wünschen sich weniger Militär, weil deren Gegenwart die Neutralität, der sie verpflichtet sind, infrage stellt. Die Bundeswehr als Sicherheitsgarant der zivilen Helfer? Mitunter kann man im Norden Afghanistans einen anderen Eindruck bekommen. Und noch etwas fällt auf: Zwar stecken Deutsche und Nato-Truppen erhebliche Mittel in Aufklärung aus der Luft und am Boden. Die Anzahl der Anschläge in und um Kundus hat das in den vergangenen Monaten offenbar nicht nennenswert reduzieren können.

Einer der beiden Anschläge von Kundus, bei dem sich der Attentäter am vergangenen Mittwoch in einem Auto in die Luft sprengte und fünf Soldaten der Bundeswehr verletzte, hätte möglicherweise verhindert werden können. „Der Täter fuhr auf der Hauptstraße im Bezirk Aliabad mehrfach mit seinem weißen Wagen nervös hin und her“, berichtet ein afghanischer Journalist, der mit einem Augenzeugen gesprochen hat. Demnach hätte eine Mischung aus gesteigerter Aufmerksamkeit und beherztem Eingreifen Schlimmeres verhindern können. So aber nahm das Unglück seinen Lauf: „Der Fahrer kam von der entgegenkommenden Seite und rammte eines der Militärfahrzeuge frontal“, gibt der Augenzeuge zu Protokoll.

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