Politik : Hindus fordern eine Entschuldigung der Kirche für Gräueltaten aus der Inquisitions-Zeit

Gabriele Venzky

In Indien sind in dieser Woche fünf Führer der ultra-nationalistischen Shiv Sena festgenommen worden - ein Vorgeschmack auf den Besuch von Johannes Paul II., der am heutigen Freitag in Neu-Delhi eintrifft. Schließlich haben die rechtsextremen Hindus angekündigt: "Wenn der Papst kommt, gibt es Rabatz." Damit haben sie die neue indische Regierung unter Premierminister Atal Behari Vajpayee in große Verlegenheit gebracht. Dessen Partei, die BJP, kommt zwar ebenfalls aus dem rechts-nationalistischen Lager. Doch sie ist auffallend um politische Korrektheit bemüht und versucht sich als neue politische Mitte zu etablieren, indem sie sich vom Hindu-Fundamentalismus distanziert. Nun, da sie vorhat, mit Reformen ein neues Kapitel in der indischen Geschichte aufzuschlagen und dabei bei der Bevölkerung noch viel Beifall findet, könnte nichts ungelegener kommen als Unruhen während des Papst-Besuchs.

Doch ob sich das durch Verhaftungsaktionen und massiven Polizeieinsatz verhindern lässt, ist fraglich. Anders als der Papst-Besuch im Jahr 1986, bei dem eitel Freude und Sonnenschein herrschten, wird dieser zweite Besuch eines Papstes von Kontroversen und bitteren Debatten begleitet. Die Hindu-Rechte fordert, dass sich der Papst für Gräueltaten der katholischen Kirche, beginnend mit der Inquisition in Goa, und für so genannte erzwungene Bekehrungen entschuldigen solle.

Eine Entschuldigung, schon gar eine unter Druck, kommt nicht in Frage, konterte die katholische Kirche, worauf die Fundamentalisten ihre Sturmtrupps in Richtung Katholiken-Zentrum Goa in Marsch gesetzt haben. Auf Protestveranstaltungen wurden Papst-Bilder verbrannt.

Bereits im vergangenen Jahr hatte es Christen-Pogrome im größeren Stil gegeben. Ein australischer Missionar und ein indischer Priester waren getötet worden, Nonnen wurden vergewaltigt, Kirchen, Kruzifixe und Bibeln gingen in Flammen auf. Die meisten Zusammenstöße gab es in Gujarat, der Heimat Gandhis. Blutige religiöse Auseinandersetzungen hat es in Indien immer gegeben, vor allem zwischen Hindus und Moslems und zwischen Hindus und Sikhs. Neu ist, daß sich die Gewalt gegen die winzige Minderheit der Christen wendet, die von einer Milliarde Menschen nur etwas mehr als zwei Millionen ausmachen, also 2,3 Prozent der Bevölkerung. 830 Millionen dagegen sind Hindus, 120 Millionen Muslims.

Die Christen, die in Indien länger präsent sind als in den meisten Teilen Europas, waren bisher eine hoch angesehene Bevölkerungsgruppe, vor allem wegen ihres sozialen Engagements und ihrer Schulen - in die auch die Mehrzahl der Führer der Hindu-Rechten gegangen sind. Angehörige beider christlicher Kirchen kümmerten sich vor allem um die Menschen, für die Hindus so gut wie gar nicht sorgten, die Ureinwohnerstämme (Adivasi), die Unberührbaren (Dalits) und die ausgestoßenen Aussätzigen. Unter diesen Bevölkerungsgruppen fanden denn auch die meisten Bekehrungen statt - weil die Menschen glaubten, damit dem für sie teuflischen Kastensystem zu entkommen, und weil sie dadurch in den Genuss von Schule und Gesundheitsfürsorge kamen. Allerdings ist die Zahl dieser von den Hindus als "leicht verführbar" Eingestuften gering. In der christlichen Bevölkerung Indiens sind ganze zwei Prozent Konvertiten der ersten Generation.

Missionierung ist sowohl für Katholiken wie Protestanten kein Thema mehr, wohl aber für die fundamentalistischen Evangelikalen mehrerer amerikanischer Sekten, die vor allem im vernachlässigten indischen Nordosten, in den Stammesgebieten von Nagaland und Meghaliya, aggressiv konvertieren und Indien als Land ausgemacht haben, in dem es "noch eine Menge Seelen zu retten gibt". Aus ihren Schriften zieht die Hindu-Rechte denn auch den Beweis für eine angebliche Weltverschwörung gegen den Hinduismus, einen globalen Evangelisierungsplan des christlichen Westens. Sowohl die verstorbene Mutter Teresa, als auch der letztjährige indische Wirtschafts-Nobelpreisträger Amartya Sen und die katholische Kongress-Führerin Sonia Gandhi, eine gebürtige Italienerin, werden gern der Konspiration beschuldigt.

Das alles klingt ziemlich absurd, ist aber sehr ernst zu nehmen. Denn die Strategen der Hindu-Fundamentalisten, die RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh), die sich harmlos "Nationales Freiwilligencorps" nennen, haben - obwohl "ihr" Premierminister Vajpayee nun liberale Wege geht - das Ziel der uneingeschränkten Vorherrschaft der Hindus ("ein Volk, ein Reich, eine Kultur") keineswegs aufgegeben.

Obwohl der Hindu-Fundamentalismus in Indien unterschwellig weiter zunimmt, mehren sich doch die Stimmen - vor allem in der liberalen Presse, die den religiösen Eiferern raten: Leistet ihr erst einmal auf dem Gebiet der Sozialarbeit, was die Christen geleistet haben, ehe ihr davon redet, dass diese Minderheit dabei sei, Indien zu zerstören. Doch solche vernünftigen Ratschläge werden nicht verhindern können, dass dem Oberhaupt der katholischen Kirche nun wohl der stürmischste Auslandsbesuch seiner Amtszeit bevorsteht.

0 Kommentare

Neuester Kommentar