Politik : "Hinter den Kulissen der Weltpolitik": Die Rache des Ägypters

Albrecht Meier

Am 14. April 1996 gab es eine schlechte Nachricht für UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali. Sie stammte von US-Außenminister Warren Christopher. Auf einem kleinen Stück Papier war in dürren Worten vermerkt: "Die Regierung hat nicht zu Gunsten Ihrer Wiederwahl entschieden."

Auf den Tag folgte ein halbes Jahr, in dem sich der UN-Chefdiplomat erbittert gegen das amerikanische Veto gegen seine Wiederwahl zur Wehr setzte. Schon 1991 hatten sich die USA bei der Wahl Boutros-Ghalis der Stimme enthalten. Fünf Jahre später galt Boutros-Ghali als einer der meist geschmähten Politiker in Washington.

Es war Wahljahr in den USA, und Madeleine Albright lief sich für ihre künftige Rolle als Außenministerin warm. Die damalige amerikanische UN-Botschafterin legte ein Veto gegen Boutros-Ghali ein, die übrigen 14 Mitglieder des Sicherheitsrates stimmten für die Wiederwahl des Ägypters. Auf dem Höhepunkt der Kampagne der Clinton-Administration gegen Boutros-Ghali zogen amerikanische Zeitungen eine vernichtende Bilanz seiner Amtszeit: Boutros-Ghali habe die Bemühungen der USA zur Reform der Vereinten Nationen vereitelt und Clinton davon abgehalten, Bomben auf die Kriegsverbrecher in Bosnien zu werfen.

"Die UN kann nur das tun, was die USA sie tun lassen." Dieses Zitat des Sprechers von Madeleine Albright hing während der Auseinandersetzung um eine zweite Amtszeit Boutros-Ghalis im Fahrstuhl des UN-Sekretariats. Tatsächlich konnte sich Boutros-Ghali gegen das Veto der USA seinerzeit kaum wehren. Mit dem Abstand mehrerer Jahre hat Boutros-Ghali, heute Generalsekretär der Internationalen Organisation der Frankophonie, noch einmal Atem geholt und der Anti-UN-Kampagne von 1996 ein Resümee seiner Amtszeit entgegengesetzt.

Seine Rechtfertigungs-Bilanz richtet sich in erster Linie an das amerikanische Publikum, zumal die Originalausgabe ("Unvanquished: A US-UN Saga") im vergangenen Jahr bei "Random House" in New York erschien. Sie ist vor allem auch eine Abrechnung mit seiner Widersacherin Madeleine Albright, zu der er nie einen Draht finden konnte. "Sobald Probleme auftauchten, schlug die gegenseitige Zuneigung in Wut um", beschreibt Boutros-Ghali sein Verhältnis zu der damaligen US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Als sich beispielsweise das Scheitern der UN-Mission in Somalia abzeichnete, weigerte sich Boutros-Ghali, den Vorstellungen der USA über die Besetzung einer Untersuchungskommission zu folgen. Albrights Reaktion: Sie "warf den Kopf zurück, rollte mit den Augen, verzog das Gesicht und schlug sich laut auf die Schenkel." So hat die UN-Botschafterin wohl mehr als einmal ihr Missfallen an Boutros-Ghali zum Ausdruck gebracht. Albrights Augenrollen, erinnert sich Boutros-Ghali, wurde der "Standardausdruck für ihre Frustration mit mir" - etwa als Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden über die Wahl des Unicef-Direktors auftraten.

Erst spät bemerkte Boutros-Ghali, dass er bei diesem Spiel den Kürzeren ziehen sollte. Wann immer Albright dessen Spielraum einengte, brachte ihr das innenpolitische Pluspunkte. Wer Boutros-Ghalis Erinnerungen an seine New Yorker Jahre liest, lernt die harte Seite der US-Chefdiplomatin kennen: "Es dauerte einige Zeit, bis mir völlig klar wurde, dass die Vereinigten Staaten die Diplomatie nur in geringem Maße als notwendig erachten; die Macht reicht ihnen."

Boutros-Ghalis detaillierte Schilderung erhellt einen Konflikt, der sich nach seinem Weggang aus New York noch verschärft hat: Immer lauter werden die Appelle an die Vereinten Nationen, Konflikte zu beenden. Gleichzeitig stellt Washington immer weniger Geld und Personal für die Weltorganisation zur Verfügung. Boutros-Ghali bilanziert nicht nur sein persönliches Missverhältnis zu Madeleine Albright, sondern auch das Ende einer Hoffnung. Nicht der Multilateralismus ist nach dem Ende des Kalten Krieges zum Lösungsmodell geworden, sondern Ad-hoc-Koalitionen nach dem Muster des westlichen Golfkriegs-Bündnisses.

Am 3. Mai 1994 unterzeichnete US-Präsident Bill Clinton eine Direktive, die den UN-Missionen enge Grenzen setzte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die UN-Friedenssicherung auf ihrem höchsten Stand: Etwa 70 000 Blauhelmsoldaten aus 70 Ländern dienten in 17 Missionen auf der ganzen Welt. Das Desaster im bosnischen Srebrenica, wo die UN von serbischen Truppen überrollt wurde, stand der Weltorganisation noch bevor. Bis heute steht "Srebrenica" für die Frage, wie viel militärische Kompetenz der Organisation überhaupt zuzutrauen ist. Soll ein UN-Generalsekretär auch den obersten Kriegsherren spielen? Im Nachhinein bietet das Verfahren des "doppelten Schlüssels", das UN und Nato damals erfanden, etliche Kritikpunkte. In Boutros-Ghalis Erinnerungen ist davon leider nichts zu lesen.

Eine robuste Blauhelm-Truppe hat der Ägypter gleich nach seinem Amtsantritt gefordert. Inzwischen sind die Anforderungen an die UN-Soldaten, auch unter dem Eindruck der Fehlschläge in Somalia und Bosnien, differenzierter geworden. Heute ist die Rede von professionalisierten Blauhelm-Verwaltungen. In einem ist sich die UN aber seit Boutros-Ghalis treu geblieben: Die Zukunft der Weltorganisation steht und fällt mit den USA.

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