Politik : Hinter den Linden: Ästhetik der Wahl

Christoph von Marschall

Petra Roth hat es am vergangenen Sonntag in Frankfurt getan, Ute Vogt wird es am kommenden so halten, ebenso Kurt Beck, Erwin Teufel, Christoph Böhr. An Wahltagen sind dies die ersten, immer gleichen Bilder: die Kandidatin, der Kandidat, wie sie/er den Zettel in die Urne steckt. Ein Bekenntnis, das Nachahmer finden soll: Ich habe gewählt. Und wen? Auch daran lässt der rituelle, triumphierende Schlag auf den Schlitz, in dem das gefaltete Papier soeben verschwunden ist, wenig Zweifel: die eigene Partei natürlich, was denn sonst, die Liste, auf der sie/er auch draufsteht. Sich selbst wählen? Das klassische Beispiel ist Adenauer, der seine Wahl zum Bundeskanzler einer Stimme Mehrheit verdankte: seiner eigenen. Ein Fall zum Naserümpfen - Betroffene haben sich zu enthalten? Oder ein ganz natürliches Bekenntnis zu sich, das in der Logik der Angelegenheit liegt: Wer sich zur Wahl stellt, hat sich bereits zu sich bekannt, zu seinem Willen, das Amt auszufüllen, die Aufgabe zu meistern. Warum soll sie, soll er sich dann nicht auch die Stimme geben? Es gibt jedoch auch eine Ästhetik der Wahl - zumal wenn es nicht um die Machtfrage geht, wie im Fall Adenauer. Vorsitzendenwahlen, zum Beispiel. Unter 90 Prozent bei nur einem Kandidaten, das gilt in den meisten Parteien fast als Abstrafung. 100 Prozent sollen es aber auch nicht sein, das wirkt ein bisschen peinlich, widerspricht dem Geist der Demokratie, die von der Meinungsvielfalt lebt. Doch selbst 100 Prozent der Stimmen bedeuten nicht hundertprozentige Zustimmung. Wer bekennt sich schon hundertprozentig? Und gar zu sich selbst? Jede(r) kennt die eigenen Schwächen am besten. Das Kreuz auf dem Stimmzettel war vielleicht nur eine 51 : 49-Entscheidung. Hoffentlich behalten die Gewählten diesen Zweifel immer im Kopf: Dass sie womöglich nur zu 51 Prozent gewählt sind - auch von sich selbst.

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