Politik : Hinter den Linden: Armes Brandenburg

Gerd Appenzeller

Auf jedes Eckchen ein Fähnchen - über dieses Gestaltungsprinzip beim Flaggenschmuck am Reichstag haben wir berichtet. Das ist auch im benachbarten Brandenburg, genauer in dessen Hauptstadt Potsdam, aufgefallen. Dort hat man eher ein entgegengesetztes Problem: nicht zu viele, sondern zu wenig Fahnen rund ums Landesparlament. Das wurde freilich auch nicht, wie der Wallotsche Bau, von einem britischen Stararchitekten aufs Ansehnlichste herausgeputzt. Indes: Aus dem Gemäuer auf dem Potsdamer Brauhausberg hätte vermutlich auch Sir Norman Foster nichts Repräsentables mehr machen können. Dort, wo sich einst im Gasthaus "Wackermanns Höhe" die Potsdamer beim Bier laben konnten, errichtete der Baumeister Franz Schwechten 1902 ein Kastell, für dessen heutiges Erscheinungsbild er nicht mehr haftbar gemacht werden kann. In dem baulichen Sammelsurium aus englischem Collegestil und Danziger Barock, das von einer Könglichen Kriegsschule über das Reichsarchiv bis zur SED-Kreisleitung in jeder politischen Epoche des vergangenen Jahrhunderts etwas Staatstragendes beherbergte, residiert seit 1991 der brandenburgische Landtag. Dessen Präsident, Herbert Knoblich, würde ach so gerne die Landesfahne auf der höchsten Spitze des Hauses hissen. Eine einzige nur, und nicht fünf wie in Berlin. Allein, es geht nicht. Denn die vermeintliche Fahnenstange auf dem Turm ist ein Funkmast, und zu dem gibt es weder Weg noch Steg noch Leiter, klagte er jetzt. Baufällig ist der Turm obendrein. So ist die Welt: Während die Berliner klotzen, darben die Brandenburger.

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