Politik : Hinter den Linden: Bermuda-Dreieck

Ulrike Fokken

Nicht nur die Reisenden erfahren Wissenswertes und Unbrauchbares über Kathedralen, Kneipen und Kalksandsteingebirge. Auch die bereisten Völker können dann und wann von den Besuchern profitieren. Sie bringen zwar nicht wie in früheren, vorkommunikationstechnischen Zeiten die Neuigkeiten über Regierungsumbildungen, Todesfälle und Hochzeiten im Königshause oder heranziehende Kriegerhorden mit, aber die Reisenden tragen doch mit ihrem Dasein im Zielort ihrer Reise zur Meinungsbildung bei.

Im Kleinen sozusagen, vom Verborgenen kann in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden. Denn Friedrichstraße hoch und Unter den Linden runter konnte jedermann am Sonnabend sehen, dass die Touristen Berlin als eine völlig normale Stadt betrachten. Trotz Bauchnabelbeschau, Diepgen-Abwahl und hysterischer Diskussion um die politische Zukunft der Hauptstadt benehmen sich die männlichen Besucher hier tatsächlich genauso wie in den Metropolen Washington oder Paris: Sie tragen kurze Hosen.

Aus Beutel-Bermudas und Taschenhosen ragen in der Neuen Mitte dieselben sportlich bis faltigen Beine, die in Kleinstädten zwischen Middle-Essex und Nordniedersachsen allenfalls auf dem Tennisplatz zu besichtigen wären. Erstaunlicherweise verschaffen sich nämlich gerade Nordeuropäer mit Vorliebe Luft untenrum. Die Zeitgenossen aus dem Süden Europas hingegen halten es auch bei hohen Temperaturen noch in langen Hosen aus. Ja, sie tragen sie gar mit einem gewissen trotzigen Stolz in ihren Städten. Quasi um den kurzbehosten Reisenden den stillschweigenden Vorwurf zu machen: Ihr verachtet uns, sonst würdet ihr in unserer Hochkultur doch nicht mit kurzen Hosen und Socken in den Sandalen rumlatschen. Aber wir bleiben trotzdem kultivierter.

So chauvinistisch ist der gemeine Reisende freilich wohl nur selten, wahrscheinlich ist ihm einfach bloß heiß. Außerdem bedeutet Urlaub auch Freiheit. Die Kurzbehosten in Berlin denken schließlich auch nicht die ganze Zeit über die Hochkultur des Filzes in dieser Stadt nach. Dass es Jahrzehnte bedurfte, um das Geflecht der Gefälligkeiten aufzubauen.

Tja, Berlin ist eben nicht der Mittelpunkt der westlichen Welt, sondern eine ganz normale Stadt.

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