Politik : Hinter den Linden: Bleiben bildet

Robert Birnbaum

Wenn es dunkel wird in der Stadt und kalt und regnerisch, dann schleicht sich das Fernweh heran. Die Weltenbummler wissen das. Sie haben darauf gewartet. Darum tauchen jetzt wieder auf den Reklamewänden und an den Häuserecken große bunte Plakate auf, die Schneeberge zeigen und Wüsten und wettergegerbte Bartträger, die mit Skorpionen, Schlangen, Krokodilen und anderem eklen Getier ganz offenbar auf Du und Du stehen. Unsere Großeltern sind ins Panoptikum gepilgert, weil dort ein richtiger Südsee-Neger - Entschuldigung, aber so hieß das damals - im Baströckchen zur Schau gestellt wurde oder ein Indianerhäuptling. Man durfte sogar das Kalumet anfassen. Ganz Weltläufige behaupteten später im Salon beim Likör, sie hätten ein solches schon geraucht.

Heute wird uns die weite Welt frei Haus geliefert, via Kabel und Satellit. Dem Zulauf zu den Dia-Abenden der Weltenbummler hat die Konkurrenz nicht geschadet; vielleicht, weil es authentischer wirkt, wenn der Reisende selbst den Projektor bedient und so beglaubigt, dass er tatsächlich dort war und dass es dort wirklich so zugeht, wie er es uns vorführt. Bei den Fernsehbildern bleibt ja immer ein Rest Skepsis, weil in der Röhre selbst Orte, die man zu kennen glaubt, sehr fremd wirken können.

Es ist darum schon zu verstehen, dass sich auch unsere Politiker gerne selbst ein Bild von fremden Ländern machen. Es dient der Völkerverständigung und der Bildung. Auch wenn man leider sagen muss: Die Perspektive ist eingeschränkt. Was sieht der Politiker auf Reisen? Er sieht: Die Flughäfen. Die Konferenzzentren. Die Regierungssitze. Die Hotels. Über die fremden Länder an sich lernt er eher weniger, weil zwar der Politiker, außer dass er mit anderen Politikern redet, gelegentlich auch Land und Leute präsentiert bekommt. Aber das gemahnt zumeist ans Panoptikum.

Helmut Kohl zum Beispiel haben sie, weil seine alte Liebe zur Landwirtschaft sich herumgesprochen hatte, gerne Bauernhöfe vorgeführt. Und es waren immer, immer Potemkinsche Dörfer - einige mehr, einige weniger. In China hat der Geheimdienst sogar mal Wasserbüffel in ein Dorf geschleppt, wo es sonst gar keine gab. Damit es echt aussah. Unsere Großeltern haben den Südsee-Neger ja auch erst geglaubt, wenn er ein Baströckchen trug. Ach Politiker, spart euch die Vorführung! Geht lieber, wenn euch das Fernweh packt, mit der Gattin oder dem Gatten in die "Urania".

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben