Politik : Hinter den Linden: Bonner Vorstadt

Robert von Rimscha

Das neue Kanzleramt beginnt zu leben. Durch das Glas dringt Sonne ein; die ersten Fenster öffnen sich. Die Bushaltestelle der Linie 257 ist vor den Eingang verlegt worden; an die umliegenden Baustellen haben sich die Beamten auch schon fast gewöhnt. Eine Woche nach dem Einzug erste Erfahrungen: Das Behelfs-Kanzleramt in der alten Mitte, Schlossplatz 1, hatte zwei Eigenheiten, die den aus Bonn umgezogenen Neu-Hauptstädtern unter den Kanzler-Beamten sehr berlinerisch vorkamen. Zunächst war der Übergangsbau urban. Er lag im Stadtzentrum, umringt von Gebäuden und großen, betonierten oder gepflasterten Flächen. Dagegen hat das neue Amt einen Kanzlergarten: etwas Vorstädtisches, das manche der neuen Bewohner an Bonn erinnert. Sie fühlen sich, als seien sie aus dem Herzen Berlins in etwas versetzt worden, was rheinische Qualitäten hat: Spree statt Stein, Grün statt DDR-Grusel. Denn noch ist das neue Kanzleramt ein Solitär am Rande eines großen Parks, nördlich umzogen von einer Brache. Wenn erst einmal die Häuser über den Lehrter Stadtbahnhof gezogen sind, so glaubt man im Amt, wird auch dessen Wucht schrumpfen. Dann wird der Neubau jenes Umfeld haben, das der Behelfsbau hatte. Und noch etwas Zweites strahlte dieser aus, das dem Schultes-Haus fehlen muss. Am Schlossplatz starrte die deutsche Geschichte die Beamten an. Passend zu den sich endlos hinziehenden Verhandlungen über die Zwangsarbeiter-Entschädigung grüßte der Spruch "und ob wir dann noch leben werden, wenn es erreicht wird ...trotz alledem!" von der Glas-Wand. Das neue Kanzleramt hat keine Vergangenheit, nur Zukunft.

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