Politik : Hinter den Linden: Buddelkram

Tissy Bruns

Die feierliche Erst-Einschüttung ist kaum vollzogen, da schimmert schon ein zartes, frühes Grün. Es ist wieder Bundestag und dank Hans Haacke können wir ab sofort neben der politischen auch die künstlerische Arbeit unserer Abgeordneten in Augenschein nehmen. Im nördlichen Lichthof steht er, der 7 mal 21 Meter große Holztrog, bereit für das große Schöpferwerk der Volksvertreter, die durch Herbeischaffung heimatlicher Erde dafür sorgen sollen, dass der Schriftzug "Der Bevölkerung" nach und nach umgrünt wird, durch alles, was aus deutschem Boden sprießt. Denn erst die Aktion der Parlamentarier macht dieses Werk zur Kunst. Kühn war schon der Gedanke, jeder Mensch sei ein Künstler, noch kühner aber der, dass auch ein Volksvertreter als solcher tätig werden kann. Noch sieht es im Trog etwas kümmerlich aus. Da müssen einige noch tüchtig buddeln und schleppen. Denn es steht ja fest: Nicht alle machen mit. Zum Beispiel der Abgeordnete Schmidt, Salzgitter. Er schafft nichts heran. Er hat eine Abneigung gegen den Trog, die so groß ist, dass er dafür war, ihn sofort aufzustellen, bloß um eine Bundestagsdebatte darüber zu vermeiden. Die dann doch kam und genauso war, wie Schmidt befürchtet hat. Der Abgeordnete Schmidt ist übrigens kein Irgendwer, sondern der erste parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion. Wer will, der soll, ist seine Devise. Im Übrigen hat Wilhelm Schmidt in der Fraktionssitzung seinen eigenen Beitrag zum Aktions-Kunstwerk geleistet: "Ich habe angeregt, den Prinzen von Hannover ab und zu zum Gießen zu bestellen." Das wäre eine neue Dimension demokratisch-parlamentarischer Kunst! Ein Aristokrat gibt "Der Bevölkerung" seinen Segen. Wird da nicht auf ganz und gar unerwartete Art ein Bogen gespannt? Der ja entstehen soll zwischen "Der Bevölkerung" und der ursprünglichen Reichstags-Widmung "Dem deutschen Volke"? Wahrscheinlich kommt der Prinz an dem Tag, an dem Haacke lachend enthüllt, dass er nur wissen wollte, ob die Abgeordneten sich trauen, einen Unfug Unfug zu nennen, wenn ein Künstler behauptet, der Unfug sei Kunst.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben