Politik : Hinter den Linden: Castor-Lifter

Robert Birnbaum

In den guten alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, haben sich die Atomforscher einmal darüber Gedanken gemacht, wie sie dereinst den Atommüll wieder loswerden. Die Herren haben schnell festgestellt: Das Zeug ist hartnäckig. Ein Kilo Plutonium zum Beispiel strahlt läppische 24 400 Jahre vor sich hin, und dann ist immer noch ein halbes Kilo da und strahlt weitere 24 400 Jahre, das verbleibende Viertelkilo... und so weiter. Keine Frage: Das muss weit weg. Das Brainstorming hat dann allerlei absonderliche Vorschläge hervorgebracht - in Salzstöcke verbuddeln, in Granit einmauern, im Meer versenken, in den nächsten Vulkan schmeißen. Am besten gefallen hat den Atomforschern aber die Idee, den Krempel auf den Mond zu schießen. Es hat dann aber ein Mathematiker die allgemeine Feierstimmung verdorben, weil er ausgerechnet hat, dass man verflixt viele Raketen brauchen würde. Noch länger wurden die Gesichter, als ein Statistiker vorrechnete, dass so etwa jede 20. Rakete nicht gen Himmel fliegt, sondern beim Start explodiert oder nach dem Abheben vorschnell wieder der Erde zustrebt. Man hat dann von der Idee wieder Abstand genommen und bohrt seither im Salz.

Leider ist jetzt ein - freilich lückenhaftes - Protokoll jener Atomforschersitzung dem FDP-Politiker Jürgen W. Möllemann in die Hände gefallen. Der hat sofort an diese ganzen Castor-Transporte gedacht. Und hat sich gesagt: Warum muss unsere Polizei diese Kisten durch Scharen von künftigen Außenministern prügeln? Hängen wir sie doch unter diese neuen Cargo-Lifter-Zeppeline. Vom Atomkraftwerk Luftlinie direkt nach Gorleben. Genial! Demonstranten fliegen nicht. Und wenn etwas schief geht: So einen kleinen Rumms aus ein paar Metern Höhe hält ein Castor schon aus. Wenn es aber ein paar Meter mehr sind? Ach, ihr Kleingläubigen: Dann kommt Super-Mölli mit dem Fallschirm!

Nachsatz: Die FDP dementiert entschieden alle Pläne, Möllemüll auf den Mond zu schießen. Die Gefahr eines Fehlstarts sei einfach zu groß.

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