Politik : Hinter den Linden: Der Faktor Zeit

Hans Monath

Achtung, dies ist eine hoch politische Geschichte, obwohl sie vordergründig "nur" von einem Schild auf einem Umsteigebahnhof von U-Bahn und S-Bahn in der Bundeshauptstadt handelt. Dieser Berliner Bahnhof also hat viele steile Treppen, die man sich manchmal gerne ersparen würde, besonders wenn man Einkaufstüten schleppt oder Kinderwagen schiebt. Auf der Mitte des Bahnsteigs für die U-Bahn, der hoch über der Straße liegt, ist ein Holzverschlag aufgebaut, der viel Platz wegnimmt. An dem hängt das besagte Schild.

Jetzt kommt der Faktor Zeit ins Spiel: Im ersten Jahr liest man die Aufschrift und freut sich. "Liebe Fahrgäste", ist da zu lesen, "hier errichten wir für Sie einen Aufzug. Ihre BVG". Vorfreude kommt auf, wenn auch noch keine Euphorie. Im zweiten Jahr ist leider kein Aufzug in Sicht, auch kein einziger Arbeiter oder Monteur, der irgendwelche Anstalten macht, hier für Bequemlichkeit zu sorgen. Man sieht, der Holzverschlag ist unten herum inzwischen ziemlich verschmutzt, und denkt: Dauert aber ein bisschen lange. Im dritten Jahr ist zwar immer noch kein Aufzug gebaut, dafür liest sich das Schild nun so: "L . be F . rgä . te, h . er eri . . ten w . . f . r Sie e . n ..... zug".

Jetzt kommt eine Vorhersage: Im vierten Jahr ist das Schild ganz weg, aber immer noch kein Aufzug da. Und was ist an dieser Geschichte im Jahr der Bundestagswahl politisch? Der einzige Unterschied zwischen U-Bahnhof und großer Bühne ist doch, dass es in der Politik eine Opposition gibt. Die erinnert das Publikum daran, was auf dem Schild stand, wenn es schon längst nicht mehr lesbar ist. Und das ist eigentlich eine ganz schöne Einrichtung.

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