Politik : Hinter den Linden: Der Judoschüler

Hans Monath

Wir wissen nicht, ob der Bundeskanzler am Mittwoch seine Gäste so empfangen hat, wie sich das gehört. Hätte Gerhard Schröder den ungewöhnlichen Besuchern Ehre erweisen wollen, dann müsste die Begegnung so abgelaufen sein: Der Regierungschef zieht erst einmal seine Schuhe aus, dann setzt er sich im Schneidersitz an den Rand seines Büroteppichs, senkt den Blick und ruft laut: "Mokuso". So und nicht anders nämlich begrüßen sich Judo-Sportler, und der Präsident des Deutschen Judo-Bundes sowie zwei Bundestrainer waren am Mittwoch zum Gespräch im Kanzleramt.

Als Vorwand der Begegnung diente der Umstand, dass Schröder die Schirmherrschaft über die Judo-Weltmeisterschaft in München übernommen hat, aber das mag glauben, wer will. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen zu erfahren war, ging es dem Kanzler um vier Fragen: Wie verbessere ich gegenüber Friedrich Merz die Technik des Schulterwurfs? Welchen neuen Würgegriff kann ich bei den Grünen ansetzen? Wie kontrolliere ich Peter Struck mit einem unauffälligen Armhebel? Wie bringe ich die Mineralölfirmen mit einem Fußfeger aus dem Gleichgewicht? Judo gilt immerhin als demokratischste aller Kampfsportarten: Im Gegensatz zu Boxern achten Judoka darauf, dass sie ihrem Gegner nicht mehr wehtun, als zum Sieg unbedingt nötig ist. Er darf rechtzeitig zur nächsten Wahl wieder auf die Matte. Die Sportler muss der Besuch des Kanzlers im Dojo (Kampfplatz) schwer beeindruckt haben. Sie denken nun über eine Regeländerung nach, die Schröder für die Weltmeisterschaft vorgeschlagen hat. Danach ist der Kampf dann zu Ende, wenn der mit dem Schwarzen Gürtel laut "Basta!" schreit.

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