Politik : Hinter den Linden: Die Schröder-Bibel

Hans Monath

Was fällt Gerhard Schröder als Erstes ein, wenn er ein Buch mit Zitaten eines Parteivorsitzenden in die Hand gedrückt bekommt? Richtig, der Kanzler denkt spontan an Mao Tsetung, den Führer der chinesischen Kulturrevolution, der als charismatischer Diktator einmal eine ganze Jugendgeneration im Westen begeisterte. Das Buch, das Schröder höchstselbst am Montag im Willy-Brandt-Haus vorstellen musste, heißt aber "Was kommt. Was bleibt" und bietet auf rund 180 Seiten Original-Schröder-Zitate und dazu einen Text von Günter Grass.

Der Kanzler bekannte, dass er die Sammlung eigener O-Töne gar nicht gelesen hat, die ihm überreicht wurde. Er hielt das Werk gerade so lange in die Kameras, dass Fotografen und TV-Teams ein sendefähiges Bild bekamen, was im Wahljahr nicht schaden kann. Dabei kam er in die Verlegenheit, etwas Schlaues zu sagen. Es fiel ihm ein Lob des grauen Umschlags ein. Der verhindere eine Verwechslung: "Es gab schon einmal ein Buch mit Zitaten eines Vorsitzenden, das war rot" - eben das Rote Buch von Mao.

Heute legt der SPD-Chef großen Wert darauf, dass ihn doch viel von Mao unterscheidet: Das neue Buch werde der SPD nicht zur Verfügung gestellt, um die Debatten auf Parteitagen zu ersetzen, versicherte der Parteivorsitzende. Kaufen, so versicherte Schröder, könne natürlich jeder Sozialdemokrat das Buch. Die könnten in diesem Wahljahr viel lernen aus den gesammelten Bekenntnissen ihres obersten Chefs. "Wahlkampf ist immer unpolitisch", ist da zu lesen. Oder auch: "Mit meinen Fähigkeiten käme ich auch jederzeit außerhalb der Politik zurecht." Dann kann ja nichts mehr schief gehen am 22. September.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben