Politik : Hinter den Linden: Die Steuer drückt

Ulrike Fokken

Geben Sie es zu: Im Grunde ihres Herzens trauen Sie Politikern alles zu. Dass sie bei Rot über die Ampel gehen - selbst wenn Kinder am Straßenrand stehen - in der Nase bohren trotz Publikum, hämisch über den politischen Gegner herfallen. Und glauben Sie nicht sogar, dass Politiker in ihrer Mehrheit korrupt sind und nur darauf warten, ihr Amt zum eigenen Vorteil auszunutzen?

Alles Unterstellungen. Zumindest der niedersächsische Finanzminister Heinrich Aller muss sich solche Anwürfe und solches Misstrauen nicht gefallen lassen. Kurz vor Jahresende hat ihm ein Michael Mustermann drei Briefe mit jeweils 4000 Mark zugeschickt und gebeten, "das Geld richtig zu verbuchen". Mustermann gibt es zwar nicht und seine Adresse war auch falsch, aber Aller lobte dennoch die Reue des unbekannten Steuersünders. Denn Mustermann hatte auch geschrieben, dass er die Summe als Einkommensteuer nachzahlen müsse.

Herr Mustermann, übrigens nicht verwandt oder verschwägert mit der Pass-Schablonen-Vordruckfrau Marion Mustermann, wird seine Gründe gehabt haben, das Geld anonym zu schicken. Davon hat sich Finanzminister Aller jedenfalls nicht aus der Fassung bringen lassen. Er hat die 12 000 Mark nicht auf das Konto seiner Partei überwiesen oder gar behalten, sondern ordnungsgemäß an die Landeszentralbank gegeben. Die prüfen, ob das Geld überhaupt echt ist. Irgendwann wird die Summe dann unter "vermischte Einnahmen" verbucht, und niemand wird sich mehr an die heroische Tat Mustermanns erinnern. Auch Sie nicht. Denn ihm trauen Sie bestimmt nicht alles zu. Mustermann ist schließlich Bürger, nicht Politiker.

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