Politik : Hinter den Linden: Er bewegt sich doch!

Robert von Rimscha

Man muss ein hochbetagter Greis sein, um sich noch persönlich an die erste Kamerafahrt der Filmgeschichte erinnern zu können. Ein gekröntes Haupt gleitet lächelnd und winkend in der Kutsche durchs Volk, und die Kamera bewegt sich mit. Ein langes Menschenleben später hat nun der Regisseur des Kanzleramts die bewegte Kamera wieder entdeckt.

Ruhige Hand, aber dynamisch: Dies sollte wohl die Botschaft der Inszenierung von Gerhard Schröders Neujahrsansprache sein. Der Kanzler aller Deutschen saß mit übereinander geschlagenen Beinen in einem Sesselchen, die Hände brav im Schoß verschränkt. Einen neuen Themenblock leitete Schröder vor stets neuem Hintergrund ein - der ergab sich, weil er in eine andere Kamera blickte. Beim dynamischsten aller Themen, der wirtschaftlichen Entwicklung, begann die Perspektive sich dann fließend zu wandeln, weil die Kamera mobil wurde und einen knappen 90-Grad-Winkel hinlegte. Und dazu auch noch Zoom! Mit jedem Satz über den garantiert bald kommenden Aufschwung kam uns Schröder wieder ein bisschen näher.

So viel Vielseitigkeit begrüßte die Deutschen zu Neujahr noch nie. Kein statuarisch hinter seinem Schreibtisch verbunkerter Regierender, keine Flagge, keine Insignien der Macht, stattdessen ein offen dasitzender Mensch, flexibel sich den verschiedenen Kamerapositionen zuwendend: So will er sein, der Kanzler.

Den ersten richtigen Kamerawagen der deutschen Filmgeschichte benutzte übrigens der Regisseur Lupu Pick in einem Streifen aus dem Jahr 1923. Mit Neujahrsansprachen hatte dieser Film aber nichts zu tun. Er hieß "Sylvester".

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