Politik : Hinter den Linden: Exerzitien

Markus Feldenkirchen

Jede Politik hat ihren Ort. Der Ort sei wichtig, könne inspirieren, betonen Polit-Profis, die lang genug dabei sind. Schade also, dass die Bundespolitiker doch immer in den gleichen kühl-modernen Konferenzsälen sitzen, was scheinbar auch Auswirkungen auf ihre Politik hat. Dabei lohnt es sich, darüber nachzudenken, welche Stätte den einzelnen Parteien würdig wäre: Für die FDP nehme man eine Flughafen-Lounge der Lufthansa samt der hunderttausend Exemplare der "Financial Times Deutschland" die dort offensichtlich ihr Sammellager haben. Ein Teil der Grünen würde wahrscheinlich ebenfalls dort sitzen, allerdings hinter besagten Zeitungen versteckt. Der grüne Rest würde noch immer im Müsli-Laden tagen. Die SPD träfe sich auf einem Kreuzfahrtschiff mit Turbo-Antrieb, die Republikaner in einem Dixie-Klo, und für die Christdemokraten bliebe das Hinterzimmer einer gutbürgerlichen Eckkneipe, in der "ortsübliche Biere" serviert werden. Aber das ist Fantasie.

Real ist, was Bundesinnenminister Otto Schily dieser Tage vorgeschlagen hat. Es ging mal wieder um die Zuwanderung. Schily sagte also, man müsse den Peter Müller (der die Zuwanderung in der CDU regelt), den Günther Beckstein (der von der CSU) und ihn, Otto Schily, einfach mal drei Tage einsperren. In einem Kloster. Wenn sie dort wieder rauskämen, so Schily, hätten sie sicher eine Superkonsensregelung gefunden. Eine, die alle glücklich macht: die Deutschen, die Zuwanderer und die Mönche. Schily hat nun angekündigt, seine Kollegen tatsächlich hinter die heiligen Mauern einzuladen. Man kann nur erahnen, wie die drei zu der prophezeiten Lösung kommen werden: Sie werden müde sein und wenig streitlustig, wegen der Morgenmesse um fünf Uhr früh. Sie werden noch müder sein durch das ortsübliche Klosterbräu. Und über allen Gottes Segen. Ja, so könnte es gehen. Halleluja.

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