Politik : Hinter den Linden: Fahnenstangenwald

Gerd Appenzeller

Solange die Deutschen in zwei Staaten lebten, hatten sie ihre Probleme mit den Symbolen der nationalen Souveränität. Die DDR flaggte überreichlich, wo immer es ging, tat sich dafür mit dem Text der Hymne aber schwer. Da in ihm die Zeile "Deutschland, einig Vaterland" vorkam, durfte nach dem Mauerbau nur noch die politisch unverdächtige und sehr schöne Musik gespielt werden, ohne jeglichen Gesang dazu. In der Bundesrepublik hingegen verbot sich die erste Strophe des Deutschlandliedes wegen der recht hegemonialen Umschreibung deutschen Lebensraumes. Die zum offiziellen Text der Nationalhymne erklärte dritte Strophe jedoch konnten viele nicht singen, weil sie den Text nicht beherrschten.

Mit der Flagge taten sich die Deutschen (West) ebenfalls schwer. Sie genierten sich für ihre nationale Zugehörigkeit so sehr, dass man Schwarz-Rot-Gold eigentlich nur an öffentlichen Gebäuden sah. International wurde diese Zurückhaltung aber eher als angenehm empfunden.

Nun sind wir wieder ein großes Land, und da ist es, flaggenmässig, mit der Zurückhaltung vorbei. Wer vom Norden her die Spree über die Moltkebrücke überquert und in Richtung Reichstag fährt, fühlt sich in die Abteilung "Deutschland" einer Fahnenfabrik versetzt. Vor dem Reichstag, rechts, flattert seit dem 3. Oktober 1990 sozusagen die Mutter aller Deutschlandfahnen als angemessenes Symbol der wiedergewonnen Einheit. An Größe ist sie kaum zu übertreffen. Damit sie sich dennoch nicht alleine fühlt, gibt es eine zweite, kleinere deutsche Fahne, links der Auffahrt an der Westfront. Deren rechte Seite ist der Fahne der Europäischen Union vorbehalten.

Auch auf jedem der vier Ecktürme des Reichstages gibt es eine mächtige deutsche Fahne. Die Kuppel selbst ist derzeit noch frei von Emblemen der nationalen Würde, aber wer weiß. Wenn im April das Kanzleramt gegenüber bezogen wird, bekommen die Fahnen vor und auf dem Reichstag natürlich auch dort ein Pendant. Ein Kanzler ohne Flagge, das geht nun wirklich nicht. Nur im Ehrenhof oder auch auf dem Dach? Warten wir ab.

Demnächst wird es aber ein wenig farbliche Abwechslung geben, die sich deutschem Einfluss entzieht. Im Mai ziehen die Schweizer wieder in ihre Botschaft ein, die, etwas versetzt, zwischen Kanzleramt und Reichstag liegt. Da kommt dann eine rote Flagge mit weißem Kreuz aufs Dach. Eine. In der Beschränkung zeigt sich der (souveräne) Meister...

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