Politik : Hinter den Linden: Falschgeld

Robert Birnbaum

Eine Großstadt im Osten. In bitterer Kälte hasten vermummte Gestalten durch Straßen und zugige Tunnel der U-Bahn-Gänge. Von irgendwoher tönen Klänge einer Balalaika. Der Fremde versucht, sich unauffällig zu geben. Bloß nicht schuldbewusst gucken! Hier unten irgendwo, hat man ihm gesagt, wird er auf Leute stoßen, die Geld nehmen. Die sein Geld, gute westliche Valuta, umwechseln in Landeswährung. "Korrekter Kurs", hat der Informant versichert, "kein Risiko."

Erinnerungen: Moskau, 1986. Oder Prag 1975, Klassenfahrt. Zum ersten und, wer weiß, zum letzten Mal im Leben Krösus. Die Taschen voller Münzen und Scheine. Alles kaufen können, was für Geld zu kaufen ist. Wenig genug ist das zwar; leere Schaufenster preisen ersatzweise den Sozialismus. Aber Pilsener satt um Pfennige, überhaupt Essen und Trinken wie Gott in Böhmen. Plattenläden, Musikinstrumente - Klarinetten, Violinen, Bassgitarren made in Czechoslovakia. Und wenn nichts mehr blieb, die letzte Krone loszuschlagen, dann das deutsche Antiquariat in der Gasse bei der Karlsbrücke.

Ja, so war das. Damals. Und wieder halten Leute in zugigen U-Bahn-Gängen verstohlen Ausschau nach Wechslern. Ihr Geld nützt ihnen nichts. War vor einer Woche harte Valuta, eine der besten. Vorbei. Der Automat spuckt verächtlich die silbrigen Münzen aus: Spielgeld, wertlos. Da, endlich, der Retter. U-Bahn-Tickets zu verkaufen! Die Leute, die um den Mann herum in ihrem Portemonnaie wühlen, tragen schuldbewusste Mienen. Schwarztauscher, Bahnhof Friedrichstraße? Falsch: Bundesdeutsche am Bahnhof Zoo, nach vier Tagen immer noch D-Mark in der Tasche.

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