Politik : Hinter den Linden: Fundsachen

Robert von Rimscha

Es war der 24. Dezember 1964, Heiligabend in Berlin und kalt. Als der amerikanische Diplomat, der Washingtons Interessen in der geteilten Stadt wahrnahm, aus seinem Haus in der Dahlemer Straße "Am Hirschsprung" trat, stolperte er über ein Bündel. Es war kein Geschenk, das der Weihnachtsmann da abgelegt hatte, es war ein in Decken gewickeltes Findelkind.

Jetzt, wo es frühsommerlich nett ist in Berlin, beginnt für viele Diplomaten die Umzugs-Zeit. Hunderte werden im Herbst einen neuen Dienst in einer anderen Hauptstadt versehen. Zeit also für das Packen der Koffer, für letzte Einladungen zum Essen, Zeit auch für Rückblicke.

Im geschichtsschwangeren Berlin verspüren viele Vertreter fremder Nationen das Bedürfnis, ihren Nachmietern kleine Dossiers ihrer Dienstsitz-Geschichte zu hinterlassen. Es lohnt sich für die Fortziehenden, die Historie ihrer vier Wände zu erkunden, und den Nachfolgern nicht nur die praktischen Tipps über englischsprachige Friseure und Händler mit einem guten Vorrat an 110-Volt-Transformatoren zu hinterlassen. Die Fundsachen aus der Vergangenheit sind nicht immer so menschlich-dramatisch wie bei dem Diplomatenehepaar mit dem Findelkind. Deren Geschichte ist unbestritten der Höhepunkt des Dossiers der US-Wohnung "Am Hirschsprung". Jene Vorgänger der heutigen Bewohner, die an Weihnachten 1964 vor die Tür traten, nahmen ein Stück Berlin mit in ihre Zukunft. Die Diplomaten adoptierten das Findelkind. So hat die Stadt ihre Spuren hinterlassen im Leben jener, die ihre drei oder vier Jahre in Deutschland eigentlich nur als Zwischenstation betrachtet hatten.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben