Politik : Hinter den Linden: Geburtstagswunsch

Robert Birnbaum

In Ostfriesland, das in Niedersachsen liegt, haben sich ein paar interessante Bräuche erhalten. Ob das daran liegt, dass die Ostfriesen immer schon hinter dem Moor gelebt haben, oder ob es daran liegt, dass die Ureinwohner mit den staatlicherseits vorgegebenen Anlässen zum Feiern nicht ausgelastet sind - das sei dahingestellt. Tatsache ist, dass sie in Ostfriesland enthusiastisch Geburtstage begehen. Damit jeder weiß, dass ein solches Fest ansteht, wird dem Opfer der Vorgarten geschmückt, was man dort "kränzen" nennt. Unverheiratete Jungfrauen zum Beispiel blicken am Morgen ihres 25. Geburtstags auf lange Ketten aufgefädelter (alter) Zigarettenschachteln. Runde Geburtstage zeigt ein Herz mit Papierblumen an.

Dem Deutschen Bundestag sind solche Sitten fremd. Gratuliert wird aber. Am Donnerstag früh also geht der Präsident Wolfgang Thierse wieder einmal eine längere Liste durch: Horst Schild (SPD) ist 60 geworden, Irmgard Schwaetzer (FDP) auch, Werner Labsch (SPD) hat die 65, der Grüne Helmut Lippelt die 70 erreicht, und der Abgeordnete Dr. Helmut Kohl beging das 72te. Es folgt Punkt Eins der Tagesordnung, Abgabe einer Regierungserklärung durch den Kanzler.

Der hat das Wort und richtet es nach oben: "Herr Präsident, nur ganz nebenbei, ich hatte auch Geburtstag!" Thierse aber hat Vorschriften. Gratuliert wird denen zufolge nur zum 60., zum 65. und ab dem 70. zu jedem Jahr. Weil sonst der Bundestag (669 Mitglieder) vor lauter Gratulieren zu nix anderem mehr käme. Der Kanzler muss also noch warten, bis er in zwei Jahren die Vorschriften erreicht.. Oder sich künftig in Ostfriesland bekränzen lassen, weit weg von Berlin, hinter dem Moor.

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