Politik : Hinter den Linden: Gottesdienst, bayerisch

Gerd Appenzeller

In Bayern, ganz sicher, herrschen noch klare Familienverhältnisse. Keine sozial-liberale Koalition oder gar sozialdemokratische Alleinregierung hat in den vergangenen 50 Jahren mit wagemutigen Schulexperimenten oder gar durch die Unterstützung alternativer Formen des Zusammenlebens die tradierten Werte zerstören können. Im Land von Laptop und Lederhose hat zwar die Moderne auf vielfältige Art und Weise Einzug gehalten. Aber dass der Vater der Herr im Haus ist, man Achtung vor seinen Vorgesetzten haben soll, die Kinder am Sonntag in die Kirche gehören und kriminelle Dummheiten nur von Ausländerkindern wie dem berüchtigten Mehmet begangen werden, gehört zu unseren gemeinsamen Vorstellungen über das Land der Bayern. Wir finden sie jetzt auf das Schönste bestätigt durch ein Interview, das Edmund Stoiber "Readers Digest" gegeben hat.

Der bayerische Ministerpräsident nennt Franz Josef Strauß seinen "Mentor und Ziehvater", was vermutlich südlich der Mainlinie gut ankommt, ihm aber nördlich davon bei der Bundestagswahl wahrscheinlich keine Punkte einbringen dürfte. Und er sagt, dass Termine mit Strauß in dessen Bundestagswahlkreis "Gottesdienste" gewesen seien. Nun atmen wir erst einmal tief durch. Dass Franz Josef von Wolke 7 aus argwöhnisch beäugt, was in seinem irdischen Reich so geschieht, haben wir immer gewusst. Dass der Respekt vor ihm schier grenzenlos ist, haben wir geahnt. Aber dass er eine Stimmung der Ergriffenheit zu verbreiten in der Lage war, das ist nun doch neu. Und lässt uns gespannt darauf sein, wie es wohl bezüglich dessen mit einem Kanzler Stoiber werden könnte ...

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