Politik : Hinter den Linden: Gruß und Schluss

Robert Birnbaum

Es ist ein stetes Auf und Ab im neuen Berlin. Tag und Nacht befördern die Fahrstühle die Hoch- wie die Abwärtsstrebenden der Hauptstadt. Es sind sehr demokratische Gerätschaften. Ob einer per Fahrrad vorfährt oder im vielzylindrigen gepanzerten Edelblech, vor der geschlossenen Doppeltür warten alle. Und erst recht in seinem Inneren vereint der Lift unterschiedslos Hoch- wie Niedriggestellte. Genauer gesagt: Er quetscht sie aneinander. Aufzüge sind immer zu klein. Wir stehen auf Tuchfühlung, wissen nicht wohin gucken, starren also die Wand an, die aber neuzeitlich chic verspiegelt ist. So erkennt der Strebende sich selbst, einen Hering unter Heringen, der auf den erlösenden Ausstieg wartet.

Der Lift ist mithin auch ein philosophisches Gerät. Besonders, wo er noch als Paternoster daherkommt. Wer da den richtigen Moment zum Aussteigen verpasst, wird rumpelnd umhergeschüttelt und zurück in die Tiefe gerissen. Man sollte dieses schönen Sinnbilds wegen wieder viel mehr Paternoster bauen, vor allem in Ministerien und Parteizentralen. Ach ja, wo wir bei den Verbesserungsvorschlägen sind: Ganz moderne Aufzüge sagen uns mit klirrender Metallstimme, wo wir sind: "Er-ste E-ta-ge!" Könnte man denen nicht auch beibringen, beim Betreten nett zu grüßen? Andernorts erledigen das allerdings die Mitreisenden selbst. Nicht so in Berlin. Friedel Drautzburg, Wirt der "Ständigen Vertretung", hat neulich mit frohgemutem "Guten Tag!" einen Lift in der Charité betreten. Danach ist er sicherheitshalber verstummt: "Die haben mich alle angestarrt, als wollte ich zur Psychiatrie!"

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