Politik : Hinter den Linden: Handwerkszeug

Tissy Bruns

Die Rhetoriker hat es mit dem Regierungsumzug auf die Spree verschlagen. Dort, an der Weidendammer Brücke, liegt der "Club of Berlin". Oder besser: die "Club of Berlin". Denn Wasserfahrzeuge sind weiblich, und bei der "Club of Berlin" handelt es sich um das Berliner Konferenzschiff der Bonner Rednerschule. Hier hat Rudolf Dreßler, lange Jahre führendes Mitglied der Rednerschule und der SPD, im letzten Sommer eine Abschiedsrede von schneidender Schärfe über den Weg der deutschen Sozialdemokratie gehalten. Als zweiter Ostdeutscher nach Wolfgang Thierse hat an diesem Ort nun Gregor Gysi das "Goldene Mikrophon" in Empfang genommen, die Auszeichnung für den besten Redner des Jahres. Wie wird man Redner? Der Ausgezeichnete gesteht: "Ich weiß das nicht." Und wenn er allzu viel darüber nachdenke, werde es ihm womöglich gehen wie dem Tausendfüßler, den man fragt, wie er das eigentlich mache mit den tausend Füßen. Auf der Stelle hätte er das Laufen verlernt. Doch das rhetorische Naturtalent Gysi weiß, wozu die Kunst der Rede gut ist. Sie gehöre zum elementaren Handwerkszeug des Berufsstandes, für den im Gegensatz zu allen anderen Berufen nicht definiert sei, was für ein Handwerkszeug er beherrschen muss. Dabei sei das einfach: ein Politiker müsse erstens Zuhören und zweitens so reden können, dass es ihm gelingt, die eigenen politischen Ideen anderen zu vermitteln. Politiker seien zudem auch schlichte Dolmetscher. Sie müssten sich darauf verstehen, politisches Fachwissen in verständliche Sprache zu übersetzen. Gysi nennt als Beispiel die Steuerreform und bekennt: "Das ist leichter, wenn man nicht allzuviel davon versteht."

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