Politik : Hinter den Linden: Im Grünen

Hans Monath

Beginnen wir mit einer gemeinen Quizfrage: Von wem stammt der folgende Satz? "Die Abschottungspolitik der Union wird, sollte sie Wirklichkeit werden, Deutschland schweren Schaden zufügen." Hat der SPD-Polterer Ludwig Stiegler dieses böse Diktum formuliert, der die Union schon einmal zum Toben brachte? Ist das grünes Multi-Kulti-Deutsch? Die schlichte Wahrheit ist: Geschrieben hat es ein erfahrener CDU-Politiker, nämlich Heiner Geißler. Der ehemalige Generalsekretär, der austeilen konnte wie kein Zweiter, hat damit einer politischen Gegnerin einen großen Gefallen getan: Grünen-Parteichefin Claudia Roth stellte am Dienstagabend das neue Buch Geißlers in Berlin vor ("Intoleranz. Vom Unglück unserer Zeit").

Und fand in dem Plädoyer für die Achtung der Menschen- und Frauenrechte viele Sätze, die ihr aus dem Herzen sprachen. Früher waren Buchvorstellungen, bei denen entweder Grüne oder Schwarze als Autor oder Laudator auftraten, ein politisches Ereignis nach dem Motto: Wenn die schärfsten Kritiker der Grünen sie durch schlaue Sätze adeln, dann muss mehr dahinterstecken, zum Beispiel eine Koalitionsoption. Heute machen schwarz-grüne Buchvorstellungen keine Schlagzeilen mehr. "Wäre Heiner Geißler ein Grüner, würde man ihm von interessierter Seite wahrscheinlich die Regierungsfähigkeit absprechen", vermutete Claudia Roth. Die Frage ist nur, ob sich in der Union noch ein Politiker findet, der dem zornigen, alten Mann ein hohes Amt anvertrauen würde. Was zeigt, wie sehr sich die Zeiten geändert haben: Man muss längst kein Grüner mehr sein, um sich unmöglich zu machen.

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