Politik : Hinter Den Linden: Im Supermarkt

Stephan-Andreas Casdorff

Rinderwahn ist bei uns und in den europäischen Nachbarstaaten ein großes Thema. Das bekommen wir fast täglich mit. Ja, fragt man sich da nicht sogleich, wie das wohl auf der anderen Seite der Welt sein mag, zum Beispiel in Neuseeland oder Australien? Sich diese Frage zu stellen, ist kurz nach den Olympischen Spielen naheliegend.

Oder besser: Sie sollte es sein. Denn andernfalls ließe sich nicht so recht erklären, was Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke zehn Tage nach Australien und Neuseeland führt. Gut, noch nie war ein deutscher Landwirtschaftsminister dort. Und es gehe darum, teilt das Ministerium mit, sich "vor Ort" - was übrigens ein Begriff aus der Bergmannssprache ist - "einen Einblick in die Agrarwirtschaft beider Länder zu verschaffen". Motto: Reisen bildet, Fernreisen bilden noch mehr. Immerhin gibt es in Australien riesige Farmen mit vielen Rindern.

Nur erklärt das Ministerium zugleich in erstaunlicher Offenheit, dass Neuseeland und Australien für deutsche Exporteure eine untergeordnete Rolle spielen. Was, zwischen den Zeilen gelesen, darüber hinaus bedeutet: Der Minister ist reiselustig. Und tatsächlich, in Brasilien war Funke, seit zwei Jahren im Amt, auch schon.

Das ist gewissermaßen ein Abfallprodukt der Globalisierung. Die Geschäfte müssen überall und von allen angekurbelt werden. Dazu passt, dass Funke laut Amt bei einer Sonderaktion den Verkauf deutscher Produkte fördern wollte - in einem Supermarkt in Melbourne. Aber selbst das passt zum Amt: Karl-Heinz Funke ist Minister nicht nur für Landwirtschaft, sondern auch für Ernährung. Und so gesehen geht Rinderwahn alle an.

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