Politik : Hinter den Linden: Kein Mann sieht Rot

Hans Monath

Gibt es also doch eine abgestimmte Strategie der Bundesregierung, mit Hilfe der Boulevardpresse konservative Botschaften ins Volk zu senden und Politik zu machen? Nach dem Bundeskanzler ("Es gibt kein Recht auf Faulheit") und seiner Ehefrau ("Zwölfjährige brauchen generell kein Handy") hat sich diese Woche auch Verkehrsminister Kurt Bodewig als Verteidiger strenger Regeln hervorgetan. Im Interview mit der Berliner Zeitung "BZ" schimpfte der Nordrhein-Westfale, in der Hauptstadt sei es offenbar zum Volkssport geworden, über rote Ampeln zu radeln. Weil das "im höchsten Grade fahrlässig" sei, müsse "der bestehende Strafkatalog konsequent angewendet werden", forderte er.

Mit harten Strafen gegen die große Freiheit - das trifft nicht nur das Selbstbewusstsein vieler praktizierend anarchistischer Radler, sondern auch Bodewigs Kabinettskollegen Jürgen Trittin. Der ist nämlich nicht nur in einem anderen politischen Milieu als Bodewig groß geworden, sondern radelt auch selbst gerne jenseits aller Verkehrsregeln. Vor zwei Jahren hatte die "BZ" den radelnden Umweltminister auf seiner Fahrt ins Büro verfolgt und kleinlich eine ganze Reihe von Verkehrsverstößen notiert. Die Schlagzeile damals: "Vorsicht Berliner, wenn ihr Trittin auf dem Rad begegnet!"

Aber vielleicht ist die Kommunikationsregie dieser Bundesregierung noch raffinierter, als sich viele vorstellen können. Hat Bodewig den Kollegen Verkehrsrowdy in höchstem Auftrag gemahnt? Wenn Doris Schröder-Köpf demnächst auch noch über die Verkehrsschule ihrer Tochter Klara spricht, braucht Trittin gar nicht mehr ins Amt zu radeln.

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