Politik : Hinter den Linden: Keine Zeit

Stephan-Andreas Casdorff

Musik als Politik, Musik und Politik - das Thema summt uns im Kopf herum. Es geht deshalb hier und heute über den Umweg Musik kurz um die Beschleunigung im Politischen. Vielleicht hängt die Faszination großer Musik damit zusammen, dass sie uns die wunderbare Illusion vermittelt, wir seien die Herren der Zeit, zumindest unserer Zeit. In der Politik ist das weit gefehlt. Adagio und lento? Bei großen Dirigenten mag das gelingen, da wird die Welt ruhig, ganz leise; selbst bei herausfordernden Stücken. Aber bei Politikern, auch bei großen, ist es gar so oft presto, prestissimo, dass sie "die Zeit zum Überfließen" bringen. Das hat ein jesuitischer Gelehrter im Blick auf das Zeitalter der Beschleunigung formuliert, und so passt es derzeit allezeit.

Es ist, als versuchten Weltzeit und Lebenszeit, auf dramatische Weise gleich groß zu werden. Nun ist es wenigstens in der Musik so, dass wir die Herrschaft über die Geschwindigkeiten genießen, der Beschleunigung folgen und nach dem Schlussapplaus (auch für den Dirigenten) zur Ruhe kommen können. In der Politik dagegen scheinen immer mehr die Begrenzungen der Zeit aufheben zu wollen: schneller, schneller! Ob sie nicht besser beraten wären, nach dem schlichten Grundsatz zu handeln, dass uns "aus der unendlichen Ressource Weltzeit - alle Zeit der Welt - nur eine endliche Spanne" zur Verfügung steht? Dann könnten sich unsere Politiker konzentrieren, würden die nachfolgenden Zeiten in den Blick nehmen, und alle wären besser dran. Alle, auch wir Journalisten. Aber jetzt muss der Artikel ganz schnell abgeschlossen werden. Die Zeit drängt.

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