Politik : Hinter den Linden: Klassenfeind

Matthias Meisner

Gregor Gysi mag keine Zweifler. In seiner Bewertung des Mauerbaus, veröffentlicht als Gastkolumne in der Wochenendausgabe des "Neuen Deutschland", schreibt er: "Ich kenne niemanden, der ihn begrüßt, nicht sein Bedauern über Tote, Verletzte an der Grenze zum Ausdruck bringt."

Kennt Gysi wirklich keinen, der den Mauerbau verteidigt? Heute firmieren die roten Helden als DKP-Parteivorstand. Und in der Erklärung der Kommunisten zum 40. Jahrestag heißt es, für den Mauerbau habe es "schwerwiegende ökonomische, politische und militärische Gründe" gegeben. Das Verschwinden des "Antifaschistischen Schutzwalls" habe den Frieden in Europa unsicherer gemacht. Und wenn es etwas zu entschuldigen gebe, dann nicht etwa, dass mit dem Bau der Mauer "im Klassenkampf die Kräfte des Fortschritts, die sozialistischen Kräfte" genügend Stärke aufgebracht hätten, "um den Gegner in seine Schranken zu weisen". Sondern höchstens, "dass es uns nicht gelungen ist, die DDR gegen die Angriffe des Imperialismus dauerhaft zu verteidigen". Kein Bedauern über die Mauertoten: "Die militärischen Regelungen" hätten sich daraus ergeben, dass "die Grenze zwischen der DDR und der BRD bzw. zu Westberlin bis 1989 Scheidelinie zwischen zwei gegensätzlichen gesellschaftlichen Systemen war".

Es ist fast tragisch: Da schwingt die einstige kleine Bruderpartei der SED gegen alle Anfeindungen das Fähnchen der Revolution und der Mauerfreunde - und Gysi nimmt nicht mal Notiz von den Freunden des "Antifaschistischen Schutzwalls". Wenn das mal kein Fehler ist: Was will der PDS-Vorzeigegenosse nur machen, wenn es mal wieder anders kommt?

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