Politik : Hinter den Linden: Kumulieren

Robert Birnbaum

Es gibt Menschheitsrätsel, die werden nie gelöst. Dies liegt oft gar nicht daran, dass sie so schwer sind, sondern an der falschen Fragestellung. Ob zum Beispiel zuerst die Henne da war oder zuerst das Ei, ist schon deshalb nicht im Ernst zu beantworten, weil das Ei in jedem Falle vor der Henne da war. Bekanntlich schlüpfte bereits der Dinosaurier aus einem Ei - zu Zeiten, als es von Hennen noch nicht mal ein Schnittmuster gab. Wann das erste Tyrannosaurus-Baby zarte Ansätze von Hennenhaftigkeit erkennen ließ - Federchen hinter den Ohren, eine rätselhafte Pick-Neigung - kriegt die Wissenschaft auch noch raus.

Ähnlich verhält es sich mit einem zweiten Menschheitsrätsel: Wie will die FDP jemals auf 18 Prozent kommen? Auch hier falsche Fragestellung. Wir waren stillschweigend davon ausgegangen, dass sich die so genannte Möllemann-Marge auf eine einzige Wahl bezieht. Irrtum. Die Zahl bezieht sich auf alle Wahlen eines Tages. Wir entnehmen das einer Ausführung von Guido Westerwelle über den Stand der Umfragen zu den Landtagswahlen am Sonntag. Die FDP liege in Baden-Württemberg bei "glatt neun Prozent" und in Rheinland-Pfalz ebenfalls bei "glatt neun Prozent".

Westerwelle hat nicht weiter gerechnet. Aber jedermann erkennt auf den ersten Blick: 9 + 9 = 18. So, und nun gucken wir mal, welche Wahlen im Herbst 2002 fällig sind. Es sind dies, bislang allesamt ohne festen Termin: die Bundestagswahl, die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, die Kommunalwahlen in Sachsen. Die FDP muss also nur dafür sorgen, dass alle am gleichen Tag stattfinden. Dafür finden sich immer gute Gründe - Kosten sparen, Überdrussgefahr beim Wähler, wenn er zu oft zur Urne soll. Und wenn Westerwelle dann die 6,8 Prozent im Bund, die 1,3 Prozent in Mecklenburg und die Nullkommairgendwas aus jeder einzelnen Gemeinde in Sachsen zusammenrechnet - dann könnte es gerade so eben reichen.

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