Politik : Hinter den Linden: Kunststück

Hans Monath

Beharrung und Verweigerung finden sich in allen Bundestagsfraktionen, wie immer wieder zu erleben ist. Bislang allerdings galt die Regel, dass sich die Union zumindest in der Kulturpolitik gern wirklich konservativ zeigt und manchem neuen Vorschlag verschließt, für den andere sich erwärmen. So waren etwa Mitte der 90er Jahre viele prominente Unionspolitiker strikt dagegen, den Reichstag dem Verpackungskünstler Christo zu überlassen - etwa der damalige Kanzler Helmut Kohl und sein Fraktionschef Wolfgang Schäuble. Aber bei der Abstimmung im (damals noch Bonner) Bundestag war der Fraktionszwang aufgehoben, die Mehrzahl entschied, den Wallot-Bau einpacken zu lassen - und auch viele Unionsabgeordnete ließen sich von Warnungen vor einem Anschlag auf die Parlamentswürde nicht schrecken.

Trotzdem ist es erstaunlich, dass nun ausgerechnet der kulturpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion forderte, der Bundestag solle die Christo-Sammlung "Verhüllter Reichstag 1971-1995" erwerben, die gerade im Martin-Gropius-Bau gezeigt wird. Ein "herausragendes Ereignis der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts" nennt Norbert Lammert die Verhüllung, dem Parlament habe sie viel Sympathie verschafft. Unions-Fraktionschef Friedrich Merz ist - anders als sein damals skeptischer Vorgänger Schäuble - ebenfalls Christo-Fan. Und auch in der Partei hat der Künstler Christo, dessen Frühwerk gerade im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist, neue Freunde gewonnen. Der Erwerb der Sammlung, so schreibt Lammert, werde auch von prominenten Abgeordneten unterstützt, die damals gegen das Projekt gewesen seien.

So kann diese Kolumne am vorletzten Tag des Jahres auch einmal eine schöne Nachricht verbreiten: Moderne Kunst wirkt doch versöhnend - manchmal auch auf Konservative. Übrigens: Am heutigen Sonntag hat die Ausstellung im Gropius-Bau zum letzten Mal geöffnet.

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