Politik : Hinter den Linden: Letzte Worte

Robert Birnbaum

Mit den Rechten und Pflichten des Parlamentariers ist es folgendermaßen bestellt: Mancher nimmt sie mehr ernst und mancher weniger. Nehmen wir als Beispiel die Rede vor dem Bundestag.

Ende der 60-er Jahre hat einmal ein Wissenschaftler die Plenarprotokolle der dritten Wahlperiode von 1957 bis 1961 durchforstet. Es erwies sich nicht nur, dass die Minister zu den Redefreudigsten zählten. Es zeigte sich auch, dass von den 519 Parlamentariern 84 offenbar ein Schweige-Gelübde abgelegt hatten - keine einzige Wortmeldung war aktenkundig.

Diese Statistik ist leider nie aktualisiert worden. Dafür existiert die Hitliste der Vielredner. Deutscher Meister (134 Beiträge) ist Ulrich Briefs, erst PDS, dann fraktionslos, gefolgt vom Bündnisgrünen Konrad Weiß (127). Gut im Rennen lag aber stets auch Otto Graf Lambsdorff - in der Kurz-Wahlperiode 1980 bis 1983 sogar als Rekordhalter mit 27 Beiträgen. Danach war der Schwenk der FDP zur CDU vollbracht, und der "Wende-Graf" konnte sich fortan auf hintere Listenplätze beschränken.

1998 ist er aus dem Bundestag ausgeschieden - mit einer Rede, wie es sich gehört. Dann hat ihn aber der Kanzler zu seinem Sonderbeauftragten für Zwangsarbeiter-Entschädigung gemacht. Und jetzt hält er schon wieder einen Rede-Rekord: "Herr Präsident, meine Damen und Herren", verkündete Lambsdorff am Mittwoch vom Rednerpult aus, "dies ist meine dritte letzte Rede vor dem Deutschen Bundestag". Im Gelächter ging fast unter, dass er dabei auf der Rednerliste der SPD stand - was man ja wohl als Wiedergutmachung für 1982 verstehen muss.

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