Politik : Hinter den Linden: Liberale Dynamik

Markus Feldenkirchen

Machen Sie das auch gerne? Diesen anrüchigen Freizeitspaß, dem vor allem in Fitnesstempeln, in den wie Pilze aus dem Boden sprießenden Wellnessthermen nachgegangen wird? Die Rede ist vom "kollektiven Schwitzen". Eine Beschäftigung, die auch Skifahrer gerne betreiben. Tagsüber setzen sich die Freunde der offenen Pore gemeinsam den Gefahren der Gletscherspalten aus - das schweißt zusammen. Am Abend, in der Sauna, wird dieses einende Gefühl noch gestärkt. Man sitzt einfach da und lässt laufen. Heissassa. So entsteht Gruppendynamik. Man muss das kollektive Schwitzen nicht lieben, um zu erkennen, dass es sich um einen Trend handelt, um ein Produkt des Zeitgeistes. Vielleicht hat sich deshalb die FDP am Montag zu einem heißen Experiment entschlossen. Das ging so: Man lade nach einem großen Wahlerfolg in Berlin zu einer Pressekonferenz mit den Herren Westerwelle und Rexrodt, miete einen Raum von bescheidener Größe, stelle 20 Stühle auf, lasse rund 100 Journalisten hineindrängeln. Und, ganz wichtig: man lasse die Fenster zu. So hätte liberale Gruppendynamik entstehen sollen. Stattdessen brach die Journalistengemeinde schon nach kurzer Zeit in kollektives Stöhnen aus: "Wir sind hier nicht in der Sahara", zischte da ein älterer, offenbar vielgereister Kollege. "Es riecht", rief eine Fernsehfrau, woraufhin ihr pikierter Nebenmann schuldig auf die Höhlen seiner Achseln schielte. Unangenehm das Ganze. Kann die FDP das gewollt haben? Erst später, als sich die Kollegen verduftet hatten, brachte ein Abschreiten des Raumes Erkenntnis: Es handelte sich um einen weiteren Teil der "Strategie 18". 100 Journalisten auf 18 Quadratmetern. Wenn selbst das geht, funktioniert auch unsere Wahlstrategie, dann schaffen wir die 18 Prozent, werden sich die FDP-Oberen gefreut haben. Fraglich nur, wer darüber dann noch berichten will.

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