Politik : Hinter den Linden: Minus Maßanzug

Hans Monath

Zugegeben: Die Zeiten, als bei den Grünen das Tragen eines Anzugs als Zeichen von Verbürgerlichung und Verrat galt, sind vorbei. Zwar besteht noch immer wenig Gefahr, eine Konferenz der Umweltpartei mit einer Leistungsschau des Schneider-Handwerks zu verwechseln. Dazu ist die Strickjacken- und Schlabber-Jeans-Quote unter den Delegierten zu hoch. Jüngere Grüne aber sind dazu übergegangen, mit feinem Tuch Modernität und Metropolen-Tauglichkeit zu signalisieren. Einer von ihnen ist Cem Özdemir, der nun in einer zweiseitigen Magazin-Anzeige mit nachdenklicher Miene und Nadelstreifen-Anzug für "strellson menswear" wirbt. Die Kutsche im Bildhintergrund steht zwar nicht gerade für Fortschritt, aber eine politisch korrekte Botschaft hat der innenpolitische Sprecher seiner Fraktion immerhin untergebracht: "Fremdenhass ist eine Krankheit, die durch Respekt geheilt werden kann", heißt es da Weiß auf Schwarz.

Schon vor zwei Jahren hatte sich Özdemir in einem Interview von Konfektionsware verabschiedet ("Da ich einen schlanken Körper habe, trage ich jetzt Maßanzüge") und dafür als Schwabe ökonomische Gründe angeführt: "Die halten länger." Einen Schönheitsfehler hat die nun erschienene Anzeige: Hätte alles geklappt, wäre sie nach dem baden-württembergischen Parteitag gedruckt worden, auf dem Özdemir um einen Listenplatz für den Bundestag kämpfen wollte. Weil die Südwest-Grünen aber nicht zählen können, muss die Wahl bald wiederholt werden - und Özdemir tritt dann als Model vor die Delegierten. Die sind zwar nicht mehr allergisch gegen Edel-Textilien - aber immer noch gegen jede Anmutung von Prominentenkult.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben