Politik : Hinter den Linden: Möbelschieber

Robert Birnbaum

Sie können Ihren Bundestagsabgeordneten in letzter Zeit nicht erreichen? Seine Mitarbeiterin geht immer nur kurz ans Telefon, sagt "Moment!" und legt dann den Hörer neben den Apparat? Im Hintergrund hören Sie mehrere Leute erregt darüber debattieren, ob "sahara" hübscher sei oder "alpacca"? Ab und an ertönt ein schriller Aufschrei, und eine andere Stimme sagt vorwurfsvoll: "Musst Du Dich immer schneiden?" Keine Bange - bei Ihrem Abgeordneten ist so weit alles in Ordnung. Sein Büro hat bloß das jüngste Schreiben der "Projektgruppe Steuerung Umzug Berlin", kurz StUB, erhalten.

Die Sache ist die, dass demnächst etliche Abgeordnete nebst Mitarbeitern aus ihren provisorischen Räumen aus- und in das fertiggestellte Jakob-Kaiser-Haus einziehen. Die Abgeordneten werden frisch möbliert. Die Mitarbeiter nicht. Die kriegen darum jetzt einen Inventar-Aufnahme-Bogen, in den jeder einzutragen hat, was a) an Mobiliar in seinem jetzigen Raum steht, b) im neuen stehen soll, c) davon aus dem Altbestand kommt und d) neu beschafft werden muss. Dann gibt es noch eine Skizze des neuen Raums im Maßstab 1:50 - und als Clou zwei Ausschneidebögen mit Möbelchen zum virtuellen Einrichten: vom Besuchertisch, rund, 60 cm Durchmesser über Kübelpflanzen bis zum Verkettungselement 60 Grad.

Sehen Sie, und jetzt hocken die Mitarbeiter den ganzen lieben Tag lang beisammen und schnipseln Beistellcontainer und Anbauelemente aus und schieben sie unschlüssig hin und her und streiten über die Farbe. Der Umzug von Bonn nach Berlin war nichts dagegen. Deshalb können Sie Ihren Abgeordneten bis auf Weiteres nur schlecht erreichen.

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