Politik : Hinter den Linden: Narren-Affront

Gerd Appenzeller

Karneval, Fasnacht, Fasnet oder Fasching - wie man es nennt, soll hier mal ausnahmsweise egal sein, denn in einem Punkt ist der zeitlich begrenzte, organisierte Irrsinn überall gleich: Nichts ist so ernst wie die fünfte Jahreszeit, wenn es um die Wahrung der närrischen Etikette geht. Wer die Kleiderordnung der Elferräte und Hofsänger missachtet, wer ihnen nicht gebührend Respekt zollt, gilt als humorlos. Und das rächt sich zur Wahlzeit - nicht in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, aber in vielen anderen Teilen der Bundesrepublik. Sogar der SED, die ziemlich viel an Gebräuchen ausgerottet hat, was vermeintlich nicht der sittlichen Erhebung des sozialistischen Menschen diente, ist es nicht gelungen, in Brandenburg, Sachsen und Thüringen den Rosenmontag zu verbieten.

Doch nun erdreistet sich der Bundeskanzler, wegen einer zu lange währenden Kabinettssitzung in Berlin seine Teilnahme an einem Narrenempfang in Bonn abzusagen. Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Berlingegner, denn in Bonn wäre um diese Zeit niemals ein Kabinett zusammengetreten. Es zeigt aber auch, dass der Kanzler den Kontakt zum rheinischen Wahlvolk verloren hat. In Niedersachsen, wo er ja mal Ministerpräsident war, ist es vermutlich ziemlich egal, ob es ein Mann für eine prickelnde Erfahrung hält, wenn ihm eine hübsche junge Frau die Krawatte abschneidet. In Nordrhein-Westfalen wird solche Arroganz aber nicht ohne Folgen bleiben. Wir wagen schon mal eine Prognose: Wenn es für Schröder am Abend des 22. September nicht reicht, dann nicht wegen Rot-Rot in Berlin, sondern weil ihm nun auch die Narren den Gehorsam verweigern.

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