Politik : Hinter den Linden: Nehmen und Geben

Gerd Appenzeller

Klingelbeutel wurden nicht herumgereicht, nachdem der Leipziger Thomanerchor dem Bundespräsidenten und vielen Gästen einen bewegenden Abend mit Adventsliedern bereitet hatte. Den Jungen um Kantor Georg Christoph Biller war der Beifall Dank genug. Aber Johannes Rau erinnerte das Zusammentreffen an ein Erlebnis in der Leipziger Thomaskirche im Frühjahr 1989. Es war jene Phase in der Geschichte der DDR, die ihre letzte werden sollte.

Rau, damals nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, saß im Gottesdienst, und wie üblich ließ der Kirchenvorstand zum Ende den Klingelbeutel herumreichen. Als der zum zweiten Mal bei Rau ankam, sagte er: "Wir haben schon gegeben." Da antwortete der Presbyter: "Dann greifen Sie herein!" Rau folgte der überraschenden Aufforderung und hatte die Hände voller Papier. Es waren Ausreiseanträge, deren Übergabe an den bundesdeutschen Gast die DDR-Staatssicherheit zuvor verhindert hatte. So wählten die verzweifelten Bürger den Weg über den Klingelbeutel, und wie durch eine höhere Fügung fanden die Formulare so doch noch den Weg in die Hände, für die sie bestimmt waren.

Rau steckte, so berichtete er, die Anträge, über 100 an der Zahl, kommentarlos ein und ließ sie später Rechtsanwalt Wolfgang Vogel übergeben, der im Auftrag der DDR komplizierte Ausreisefragen bearbeitete. Alle konnten wenige Wochen später in die Bundesrepublik ausreisen. Die Thomaner jubelten zum Abschluss im Bellevue "Dir, dir, Jehova will ich singen." Die meisten von ihnen waren noch nicht geboren, als sich ereignet hatte, was Johannes Rau zuvor ergriffen erzählt hatte.

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