Politik : Hinter den Linden: Neugier, kein Zweifel

Gerd Appenzeller

Kein westeuropäisches Land hat nach dem Fall der Mauer die Entwicklung in Deutschland mit so großem Misstrauen wie Frankreich verfolgt. Staatspräsident François Mitterand versuchte durch einen hochoffiziellen Besuch in Ost-Berlin die DDR noch zu einem Zeitpunkt zu stabilisieren, als die längst unaufhaltsam ins Rutschen geraten war. Was ist, zehn Jahre später, von diesen Sorgen geblieben? Nicht viel, hatte man den Eindruck nach einem mit angeregten Diskussionen verbundenen Mittagessen, das das Bundeskanzleramt jetzt für sechs Pariser Verleger gegeben hat. Die reden in Berlin mit Politikern, Literaten und Journalisten und staunen bestensfalls darüber, dass sich ihre deutschen Gesprächspartner fragen, warum es einen allgemeinen Trend der Jungen und der Kreativen nach Berlin gibt. Das kennen sie aus Frankreich schon lange, wie es ist, wenn die Kapitale für die schönen Künste und die schnöden Alltagsgeschäfte gleichermaßen einfach deshalb attraktiver wird, weil man dort auf so angenehme Weise das eine mit dem anderen verbinden kann. Natürlich haben sie auch viel gelesen über einen neuen deutschen Zentralismus und über den angeblich immer tiefer klaffenden Graben zwischen Ost und West und ein bisschen Neugier ist schon dabei, wenn sie nachhören wollen, wie die beiden Deutschländer, nun wieder in einem Staat vereint, mit ihrer neuen Rolle in Europa umgehen. Neugier, aber kein Zweifel. Von Paris nach Berlin ist es zwar viel weiter als nach Bonn - was auch umgekehrt gilt - , aber man trifft noch immer die gleichen Leute, vom Typ und von den Einstellungen her. Das fanden am Ende alle beruhigend.

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