Politik : Hinter den Linden: Offene Festung

Matthias Meisner

Nicht zum ersten Mal wandte sich PDS-Reformer Andre Brie an die bürgerliche Presse, um gegen die eigenen Genossen zu stänkern. Gregor Gysis Werbe-Stratege hat an der Ost-Berliner Kult-Meile Karl-Marx-Allee die Wahlkampfzentrale der Partei eingerichtet. Stolz auf sein transparentes Quartier, scholt Brie in der "FAZ" die Funktionäre der PDS-Parteizentrale am Rosa-Luxemburg-Platz. "Das Karl-Liebknecht-Haus sieht zur Zeit wie eine Festung aus", rügte er. Das Gebäude wirke regelrecht "unordentlich", fügte er gar noch hinzu.

Die Antwort aus der Zentrale kam prompt und ein wenig anders als erwartet. "Einladung" überschrieb die PDS eine Notiz in ihrem Pressedienst. Die Partei ermuntert das Volk, das Hauptquartier der Sozialisten zu besuchen. Der Anlass liegt nicht fern: Am zweiten September-Wochenende ist Tag des offenen Denkmals, und ausdrücklich nur "für diesen Zweck" werden die Kader im Karl-Liebknecht-Haus die Türen aufsperren.

"Es geht nicht um Schönheit", begründet PDS-Vorstandsmitglied Thomas Flierl, Ex-Baustadtrat in Mitte. Doch städtebaulich und zeitgeschichtlich spiegele das heutige PDS-Haus wie kaum ein anderes das 20. Jahrhundert wider: 1912 wurde es als Konservenfabrik gebaut. Später wurde es zur KPD-Zentrale. Nach der Machtübernahme der Nazis quartierte die politische Polizei, symbolhaft und zynisch, die Abteilung zur Bekämpfung des Bolschewismus ein. Nach Krieg und Renovierung fand das Institut für Marxismus-Leninismus dort Platz.

Seit 1977 steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Dass die PDS damit heute einen Heimvorteil etwa gegenüber SPD und CDU mit ihren modernen Bauten hat, ist selbstverständlich ein Irrtum. Die Schreibtische der ehemaligen PDS-Chefs Gregor Gysi und Lothar Bisky hat das Denkmalamt noch nicht begutachtet.

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