Politik : Hinter den Linden: Parkett oder Teppich

Hans Monath

Von herzlicher Liebe des Hausherrn zum neuen Kanzleramt kann keine Rede sein. "Mein Gebäude ist das nicht", hat Gerhard Schröder dem Tagesspiegel kürzlich gesagt, "das ist alles ein bisschen wuchtig geraten." Aber da nun schon einmal 465 Millionen Mark ausgegeben sind, kann der Regierungschef ja nicht einfach im Staatsratsgebäude bleiben, sondern wird bald in Axel Schultes Monumentalbau in der Willy-Brandt-Straße 1 ziehen, der in zwei Wochen eingeweiht wird. Und also muss sich Gerhard Schröder auch mit der Frage herumplagen, wie die neuen Räume im Regierungssitz denn eingerichtet werden sollen.

Kaum waren Berichte darüber erschienen, wie ein etwas ratlos blickender Bundeskanzler Wände und Böden inspizierte und über die Frage Parkett oder Teppichboden grübelte, nahte schon Hilfe. Beim Kanzler traf ein Brief der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände ein. "Die Verwendung von Holz", so schrieb Waldbesitzer-Präsident Michael Prinz zu Salm-Salm, "ist ein entscheidender Beitrag zum Schutz unseres Klimas." Wenn der Kanzler sich nun noch für den Teppichboden entscheidet, dann wirkt das, als sei ihm der Klimaschutz schnuppe - und wer will schon als Umweltsau dastehen? Natürlich verbreiteten die Waldbesitzer ihren uneigennützigen Ratschlag schnell in einer Pressemitteilung.

Erstaunlich nur, dass die ästhetischen Nöte des Kabinettschefs das politische Berlin so wenig aufrütteln. Haben die Verbände ihre Arbeit eingestellt? Schlafen die Lobbyisten? Dabei müsste sich der Kanzler über die Ausstattung seines neuen Amts- und Wohnsitzes wirklich nicht den Kopf zerbrechen. Das könnten andere tun: Die Partei des Kanzlers ist mit Hinweisen dienlich, welche Pflanzen am Schultes-Bau gedeihen sollen, damit es das ganze Jahr über rot blüht. Der Tierschutzbund gibt darüber Auskunft, welche Ledersofas aufgestellt werden, damit nicht etwa Felle vom Aussterben bedrohter Tierarten verarbeitet werden. Der DGB prüft, ob nicht etwa italienische statt deutscher Möbel geordert werden. Alle Vorschläge für Lampen werden erst einmal Greenpeace vorgelegt, damit sie nicht zu viel Atomstrom verbrauchen. Und VW-Chef Piech darf die Farbe der Garage aussuchen. Zum Schluss arbeitet und wohnt der Kanzler dann politisch voll korrekt, ästhetisch quotiert und vor allem auch noch konjunkturfreundlich. Aber wie das dann aussieht, möchte man sich gar nicht vorstellen.

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